Erinnerung an Magnus Hirschfeld in Heidelberg

Erinnerung an Magnus Hirschfeld in Heidelberg

von Christian Könne

Als der spätere Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) aus München kommend, zum Sommersemester 1890 als Student in Heidelberg eintraf, schrieb er sich an der dortigen Universität erneut für Medizin ein. Hirschfeld studierte insgesamt drei Semester bis 1891 in Heidelberg und lebte in der Altstadt in der Sandgasse 10 bei einem Lehrer und dessen Frau zur Untermiete.

Hirschfelds Wohnhaus Sandgasse 10 in Heidelberg. Fotografie von Christian Könne, 2017

In welcher Wohnung in der Sandgasse 10 das genau war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Anders als die andern Jahre seines späteren Lebens, in denen er seine jüdische Religion nicht in den Vordergrund stellte, war Hirschfeld in Heidelberg speziell im Hinblick auf diese rührig. So war er Mitglied der Badenia, einer nur Juden offenstehenden Studentenverbindung. Sie wurde als Antwort auf den zunehmenden Antisemitismus im Deutschen Reich im Oktober 1890 gegründet. In ihr wollte man sich zusammenfinden und gemeinsam gegen den Antisemitismus im Reich arbeiten. Auch andere Kontakte in jenen Jahren zeigen eine Orientierung und ein Engagement hin auf das Judentum an. So reiste Hirschfeld beispielsweise nach Paris, um dort Max Nordau (1849-1923), einen jüdischen Arzt und Schriftsteller, zu treffen und mit diesem u.a. die Idee des Zionismus als ganz andere Variante der Reaktion auf den Antisemitismus zu diskutieren.

Hirschfelds Zeit in Heidelberg endete im August 1891. Er zog nach Berlin, um dort sein Studium abzuschließen. Aus der Zeit in Heidelberg nahm Hirschfeld neben seinen erweiterten medizinischen Kenntnissen wohl auch das gestärkte Bewusstsein für vorgeschobene „Begründungen“ sowie nachfolgende Mechanismen und Methoden der Diskriminierung von Minderheiten mit. Ebenfalls dürfte er aus Heidelberg erste praktische Erfahrungen, wie man als Minderheit gesellschaftliche Arbeit nach innen und außen leisten konnte mit dem Ziel, Identität zu stiften und Vorurteile abzubauen, mitgenommen haben.

Hirschfelds Heidelberger Erfahrungen im Hinblick auf die Diskriminierung von Juden waren womöglich beispielgebend. Denn fünfeinhalb Jahre später war Hirschfeld 1897 in Berlin Mitbegründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), das sich die Abschaffung des § 175 zum Ziel setzte. Diesem Ziel sowie der Sexualforschung und -beratung galt fortan sein aufklärerisches Schaffen selbst in widrigsten Situationen, das ihm internationale Reputation einbrachte.

Aufgrund seines Engagements und seines frühen Beitrags zur Realisierung der Menschenrechte wird heute in vielerlei Hinsicht an Hirschfeld erinnert. Sein Leben und Arbeiten gehört zum festen Bestandteil des historischen Wissens um die Sexualwissenschaft ebenso wie um die Verfolgungs- wie Emanzipationsgeschichte Homosexueller – nicht nur in Deutschland. Diese Minderheitenverfolgung einerseits sowie Bürger- und Menschenrechtsbewegung andererseits zu thematisieren, ist auch Teil der Lehr- bzw. Bildungspläne der Schule. Befragungen von Eltern wie Schüler_innen weisen das Interesse an diesem Themenkomplex nach. Dem entgegenstehend, vermeiden die meisten Schulbücher die Darstellung dieser Geschichte. Um dieses Manko auszugleichen, entsteht momentan ein Material für den Geschichtsunterricht, das die Verfolgungs- wie die Emanzipationsgeschichte Homosexueller in Deutschland abbilden soll.

An dieser Geschichte besteht in Deutschland kein Mangel. Sie zu erforschen steht oft noch aus. Es finden sich aber Zeugnisse der öffentlichen Geschichtskultur. Diese zu ermitteln und auf ihre Bedeutsamkeit hin zu überprüfen, ist Teil des Geschichtsunterrichts. So entstand die Idee, die Schüler_innen danach suchen zu lassen, wo und wie an Magnus Hirschfeld erinnert wird. Bei den Recherchen zeigte sich, dass dies in verschiedener Weise und an unterschiedlichen Orten im In- und Ausland der Fall ist.

Aber gerade an an jenen Orten, wo Hirschfeld studierte und an denen Homosexualität im Gefolge der Französischen Revolution bis 1871 straffrei war, also Straßburg, München und Heidelberg, wird nicht an ihn erinnert. Speziell mit Heidelberg sind die hier skizzierten Diskriminierungs- wie Emanzipationserfahrungen verbunden.

Vor diesem Hintergrund wurde bei verschiedenen Stellen gefragt, ob in Heidelberg keine Erinnerungspolitik an Hirschfeld gewünscht oder ob man sich Hirschfelds in Heidelberg nicht mehr gewahr sei. Die Reaktionen auf den Vorschlag an Hirschfeld in Heidelberg zu erinnern, waren vonseiten verschiedener Parteien im Stadtrat, von der Stadtverwaltung und anderen Organisationen positiv. Und auch die Rhein-Neckar-Zeitung hat das Vorhaben mit ihrer Berichterstattung begleitet.

Am 29. Mai 2018 wird nun zunächst eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Queer Festivals Heidelberg die verschiedenen Facetten von Hirschfelds Leben und Schaffen beleuchten und dabei auch die Frage nach der Erinnerung an die queere Geschichte der Stadt thematisieren.

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