LSBTTIQ – ein Quellenbegriff?

Wie lässt sich historische Forschung betreiben, wenn dafür die heutigen Begriffe und die damit zusammenhängenden Vorstellungen von Identität so zentral sind? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist.

Was bedeutet LSBTTIQ?

LSBTTIQ hat sich erst in diesem Jahrhundert als Sammelbegriff für Menschen durchgesetzt, die außerhalb der heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Norm stehen: Die einzelnen Buchstaben stehen gegenwärtig für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer. Es gab und gibt keine allgemein anerkannte Definition, was diese Begriffe genau meinen. Die folgenden Zeilen stehen für die Deutungen, mit denen wir arbeiten.

Lesbisch ist ein Begriff für Frauen, die Frauen lieben und begehren. Welche Personen als Frauen gelten, richtet sich nach deren eigener Definition.

Als schwul bezeichnen sich Männer, die Männer lieben und begehren. Welche Personen als Männer gelten, richtet sich nach deren eigener Definition.

Bisexuelle meint Menschen, die sowohl Männer als auch Frauen lieben und begehren. Welche Personen als Frauen bzw. Männer gelten, richtet sich nach deren eigener Definition.

Als transsexuell bezeichnen sich Menschen, deren körperliche  Geschlechtsmerkmale nicht mit dem Geschlecht übereinstimmen, mit dem sie sich identifizieren. Transsexuelle können mittels Operationen oder Hormongaben ihr anatomisches Geschlecht an ihre geschlechtliche Identität anpassen. Eine solche Geschlechtsangleichung ist aber keine Bedingung dafür, dass sich jemand als transsexuell versteht.

Transgender steht für Menschen, die sich außerhalb der zweigeschlechtlichen Norm verorten, sich also  nicht eindeutig als Mann oder als Frau zuordnen lassen möchten.

Intersexuelle Menschen sind keinem der beiden bei uns anerkannten Geschlechter zuzuordnen. Körperlich sind sie von der Medizin aus gesehen also weder eindeutig weiblich noch männlich. Allerdings zeigen Forschungen, dass die übliche Annahme, alle Menschen seien auf nur zwei Geschlechter aufzuteilen, viel zu eng ist. Es werden vielmehr Dutzende von Geschlechtern vermutet.

Als queer bezeichnen sich Menschen, die von der heterosexuellen und/oder zweigeschlechtlichen Norm abweichen. Der Begriff ist bewusst so vage, weil das erlaubt, auf Abgrenzungen und Definitionen weitgehend zu verzichten.

Wir verwenden den Sammelbegriff „LSBTTIQ“ und seine einzelnen Bestandteile in Anlehnung an das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, an den Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte Baden-Württemberg und das vom baden-württembergischen Ministerium für Soziales und Integration herausgegebene „Lexikon der kleinen Unterschiede“.

Identitäten historisch erforschen

Welche Begriffe sind für welche Lebensformen, sexuelle und geschlechtliche Präferenzen oder Identitäten angemessen? Über diese Frage sind sich Menschen im deutschsprachigen Gebiet seit weit über 100 Jahren nicht einig. Manche Begriffe, die einmal halbwegs anerkannt waren, verschwanden nach Jahren oder Jahrzehnten wieder und sind heute nicht mehr geläufig.

Brockhaus 1955-lesbische Liebe

Der Brockhaus von 1955 widmete der lesbischen Liebe einen knappen Eintrag – der wesentlich knapper war als der über Homosexualität, in dem das Lexikon nur Männer besprach. Der Tipp, zum Rechtlichen unter „Homosexualität“ nachzuschlagen, geht schlicht fehl – Sexualität unter Frauen wurde rechtlich ganz anders gewertet. Offensichtlich war der Brockhaus damit überfordert, lesbische Liebe zu beschreiben.

Für die Zeit vor dem 19. Jahrhundert sind die Unterschiede noch gewichtiger. Zuvor gab es keine Vorstellung davon, dass ein aufs gleiche Geschlecht gerichtetes Begehren die Identität formen könnte. Auch die zwingende, von der Medizin definierte Zuordnung aller Menschen entweder zu Frauen oder zu Männern war nicht so verbreitet wie in der Gegenwart. Was gegenwärtig häufig als Konstante in der Weltgeschichte empfunden wird, ist es tatsächlich keineswegs – weder beispielsweise die Definition von Sexualität noch von Frauen bzw. Männern oder von Heterosexualität. Wenn wir also mit heutigen Begrifflichkeiten und Konzepten die Geschichte untersuchen, werden wir ihr nicht gerecht.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe bezeichneten seit dem 19. Jahrhundert Menschen, die dasselbe Geschlecht lieben bzw. begehren: „Urninge“ und „Urninden“, „Sodomiten“, „Tribadin“, „Sapphistinnen“, „Lesbierinnen“, „Homophile“ oder auch „Drittes Geschlecht“ (und einige mehr). Auch Begriffe rund um die Freundschaft wurden im 19. und 20. Jahrhundert unverändert genutzt, um gleichgeschlechtliche Liebesverhältnisse zu benennen.  Manche Begriffe haben im Lauf der Epochen ihre Bedeutung gewandelt. Das Wort „schwul“ meint heute etwas anderes als  vor fünfzig oder hundert  Jahren.

Es gilt also, passende Begrifflichkeiten für die historische Forschung zu finden. Wichtig ist für die Forschung vor allem, die damaligen Identitäten nicht mit der heutigen Brille zu sehen. Stattdessen gilt es, die damaligen Identitätskonzepte zu verstehen und in ihren historischen Zusammenhang einzuordnen. Nur so können wir vermeiden, früheren Epochen unsere gegenwärtigen Begrifflichkeiten und Vorstellungen überzustülpen. Daher ist zu fragen: Was war für wen zu der jeweiligen Zeit sagbar? Wofür gab es überhaupt Worte, worüber konnte und durfte gesprochen werden und worüber nicht? Was davon wurde von wem überliefert? Welche Identitäten gab es überhaupt? Waren den Menschen, deren Lebenswelt wir verstehen wollen, überhaupt Identitätskonzepte zugänglich? Haben sie diese Konzepte – vielleicht aus gutem Grund! – abgelehnt? Oder sich auf ihre ganz persönliche Weise angeeignet und damit auch verändert?

Es gibt viele gute Gründe, sich an den Selbstbezeichnungen der Menschen, über die wir schreiben und forschen, zu orientieren. So hatten etwa gleichgeschlechtlich liebende Frauen bis in die 1960er Jahre hinein oft kein Selbstverständnis als Homosexuelle oder Lesbierinnen – sie bezeichneten sich stattdessen oft als „Freundinnen“. Solche Codes muss man nicht übernehmen, aber man sollte sie kennen. Auf dieser Webseite verwenden wir die Begriffe homo- und bisexuell, lesbisch, transsexuell und transgender sowie intersexuell als vorläufige analytische Begriffe.

Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität: Begriffsgeschichten

Meyers Lexikon 1938-Homosexualität

Meyers Lexikon, 1938, Eintrag Homosexualität.

Der Begriff „Homosexualität“ stammt (wie auch der Gegenbegriff „Heterosexualität“) aus der sich bildenden Sexualwissenschaft des späten 19. Jahrhunderts. Beide Begriffe sind  nicht nur neu erfundene Worte, sondern Ausdruck eines ganz neuen Konzepts. Die Idee von einer durch das gleichgeschlechtliche Begehren grundlegend geprägten Persönlichkeit  trat  erst zu dieser Zeit auf. Medizin und Wissenschaften beanspruchten seit dem späten 18. Jahrhundert mehr und mehr, die wichtigsten Instanzen zur Erklärung des Menschen, des Körpers und der Welt zu sein, und konnten im späten 19. Jahrhundert Deutungshoheit über diese Fragen erringen. Auch gleich- und gegengeschlechtliche Sexualität wurden seit dem späten 19. Jahrhundert medizinisch und wissenschaftlich gedeutet und zum Teil völlig neu gedacht. Zuvor hatte das Handeln im Mittelpunkt gestanden, nicht das Wesen bzw. der Kern einer Person. Also benannte man bis weit ins 19. Jahrhundert  sexuelle Praktiken und brachte diese nicht kausal mit Charakterzügen und Wesenseigenschaften in Zusammenhang. Der Begriff der „Sodomie“ zum Beispiel bezeichnete seit dem Mittelalter sämtliche  Praktiken (auch zwischen Mann und Frau), die als „widernatürlich“ eingestuft wurden, weil sie nicht der Zeugung dienten. „Päderastie“ bedeutete in der Vormoderne Analverkehr, der auch zwischen Frauen und Männern stattfinden konnte. Erst in der Moderne wurde der Typus des (oder, seltener, der) „Invertirten“, der Person mit „conträrer Sexualempfindung“ – oder, um es im heutigen Sprachgebrauch zu sagen: Homosexuellen – erfunden. Fest an den Begriff gebunden war eine  eigene geschlechtliche und sexuelle Identität, die allerdings in Medizin und Wissenschaft keineswegs einheitlich definiert wurde.

Brockhaus 1957, Artikel Zwittertum

Brockhaus 1957. Hier wird, obgleich der Eintrag unter „Zwittertum“ steht, vor allem der Begriff des „Hermaphroditismus“ genutzt. Der später sich durchsetzende Begriff „Intersexualität“ wird bereits eingeführt.

Jünger ist  das Konzept der Transsexualität, das sich in den 1960er Jahren etablierte. Zuvor gab es die Begriffe „transsexuell“ und „transgender“ nicht, sondern allein den Begriff des Transvestismus.

„Intersexualität“ löste im 20. Jahrhundert die früheren Bezeichnungen „Zwitter“ und „Hermaphrodit“ ab. Auch hinter diesem Begriff stand ein neues Konzept. Der neue Begriff spiegelt, dass  es ein Krankheitsbild wurde, am Körper nicht eindeutig entweder als Frau oder Mann erkennbar zu sein. Der Begriff der Intersexualität wird in den letzten Jahren mehr und mehr kritisiert, weil er für eine medizinische Perspektive steht, die aus Unerwartetem, schwer Erklärbarem oder gesellschaftlich Ausgegrenztem Krankheitsbefunde macht. Oftmals wird inzwischen daher stattdessen von Intergeschlechtlichkeit oder auch Inter* gesprochen, wobei das Sternchen das Wortende bewusst frei hält.

Selbstbezeichnungen der Emanzipationsbewegungen

Die Begriffe „schwul“, „transgender“, „intergeschlechtlich“ und „queer“ wurden von den Emanzipationsbewegungen seit den 1970er Jahren  geprägt. Diese Bewegungen eigneten sich seit den späten 1960er Jahren verschiedene Worte an, die vorher als Schimpfworte gebräuchlich waren, und deuteten sie als positive Selbstbezeichnungen um, so etwa „Lesbe“, „schwul“ oder „queer“. Andere Begriffe zeigen den wachsenden Einfluss diskurstheoretischer Konzepte auf die Bewegung seit den 1990er Jahren, so etwa die Wortschöpfungen „Transgender“ und „Intergeschlechlichkeit“. Beide verweisen darauf, dass Geschlechtszugehörigkeit immer eine soziale, keine rein biologische und feststehende Kategorie ist.

Homosexuelle und andere Identitäten?

Gab es nun so etwas wie homosexuelle, transgeschlechtliche oder intergeschlechtliche, gar queere Identitäten in der Mitte des 20. Jahrhunderts? Ja und nein.

Zettel, Leonard J.-001

Einladung des „Kreises der Freunde“ zu ihrem Treffen, 1925. Der Begriff der Freundschaft wurde in der Weimarer Zeit vielfach für gleichgeschlechtliche Liebe genutzt. Auch von „Gleichgesinnten“ als Synonym für „Homosexuelle“ war schon damals die Rede. Quelle: StA LB, F 263 I St 50.

„Homosexualität“ etablierte sich als Begriff und als Identität seit der Wende zum 20. Jahrhundert  – jedenfalls für das Begehren unter Männern. Über die Frage, ob unter Homosexuellen auch Frauen verstanden werden, gab es durchgehend keinen Konsens. Es gab also in der NS-Zeit und in der frühen Bundesrepublik nicht wenige Menschen, die gleichgeschlechtlich liebten bzw. begehrten und sich dabei selbst als „homosexuell“ bezeichneten. Eine unbekannte Anzahl – womöglich  mehr Menschen – bezeichneten es nicht als „homosexuell“, wenn sie gleichgeschlechtliche Sexualität hatten oder in gleichgeschlechtlichen Paarverbindungen lebten. Gleichgeschlechtliche Handlungen und Beziehungskonstellationen weisen nicht automatisch darauf hin, dass die Menschen ein homosexuelles Selbstverständnis hatten. Auch bisexuell musste es nicht sein. Gelegentliche gleichgeschlechtliche Sexualität konnte in ein heterosexuelles Selbstverständnis integriert werden. Eine gleichgeschlechtliche Paarbeziehung konnte als tiefe Freundschaft gedeutet werden – auch von den Beteiligten selbst.

Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin: http://www.digi-hub.de/viewer/fullscreen/BV042530744/7/

Magnus Hirschfeld erfand und prägte den Begriff des Transvestismus, unter anderem durch sein Werk „Die Transvestiten“ aus dem Jahr 1910. Quelle: Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin

Können wir z.B. für das frühe 20. Jahrhundert von transgender oder transsexuellen Identitäten sprechen? Seit der Weimarer Zeit verstanden sich Menschen  als Transvestiten oder Transvestitinnen. Schriften wie die Zeitschriftenbeilage „Die Transvestiten“, die in den 1920er Jahren einer Zeitschrift für lesbisches Publikum beigelegt war, werden diesen Begriff wohl verbreitet haben. Doch wir können auch hier von einer gewissen Bandbreite ausgehen. Sie beginnt bei  Menschen, die gelegentliches Verkleiden in ihre sonst bruchlose Geschlechtsidentität integrierten. Weiter reicht sie zu Transvestit_innen, die zu festlichen Anlässen oder auch im Alltag die Kleidung und Rolle des „anderen“ Geschlechts annahmen. Schließlich umspannt sie Menschen, deren anatomischer Körper nicht mit ihrem Geschlechtsempfinden übereinstimmte. Inwieweit das bis in die 1960er Jahre gebräuchliche Konzept des Transvestismus den späteren Identitätskonzepten Transsexualität und Transgender entspricht und wo die Brüche lagen, ist eine wichtige Forschungsfrage.

Welt der Transvestiten-001

„Die Welt der Transvestiten“ war ein Beilagenteil zur Zeitschrift „Die Freundin“ in der Weimarer Zeit. Der von Hirschfeld geprägte Begriff des Transvestismus wurde schnell zu einer Selbstbeschreibung. Quelle: Die Freundin 5.5 (1929).

Wie definierten sich Menschen selbst, die nicht in die strengen Definitionen des Weiblichen bzw. Männlichen passten? Eigneten sie sich die medizinischen Diagnosen des Hermaphroditismus und später der Intersexualität an, um daraus geschlechtliche Identitäten zu entwickeln? Oder verorteten sie sich selbst als männlich bzw. weiblich? Bisher ist über intersexuelle Identitätskonzepte des 20. Jahrhunderts nur wenig bekannt. Ein Ziel der Forschung ist es daher, der Frage nach intersexuellen Identitäten für den südwestdeutschen Raum nachzugehen.

Warum benutzen wir den Unterstrich?

Die deutsche Sprache kennt für erwachsene Menschen nur entweder männliche oder weibliche Formen, funktioniert also nach heteronormativen Regeln. Mit dem Unterstrich wollen wir diese Regeln punktuell durchbrechen, indem wir sichtbar machen, dass es weitaus mehr Geschlechter gibt. Der Unterstrich steht für all die trangender, transsexuellen, intergeschlechtlichen, queeren Identitätskonzepte, die unsichtbar bleiben würden, wenn wir nur weibliche und männliche Personen benennen – er eröffnet  eine Lücke zwischen der männlichen und der weiblichen Form und schafft damit Platz für  andere geschlechtliche Identitäten.

nr, kp

Weiterlesen

Bennett, Judith M. (2000): „Lesbian-Like“ and the Social History of Lesbianisms. In: Journal of the History of Sexuality 9 (1/2), S. 1-24.

Hacker, Hanna (2015): Frauen* und Freund_innen. Lesarten „weiblicher Homosexualität“. Österreich, 1870-1938. Wien: Zaglossus (Challenge gender, Bd. 4), Kapitel 4: Zur Relektüre: Chiffriertes Selbstbewusstsein: Kommunikationsnetze der lesbischen Kultur, S. 281-395.

Herrmann, Steffen Kitty (alias S_he) (2003): Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung.