Stand der Forschung

Lange Zeit war verschwindend wenig Forschung zur Geschichte Homosexueller oder LSBTTIQ im Nationalsozialismus oder der Bundesrepublik vorhanden. Die Geschichtswissenschaft ignorierte solche Themen. Erst im Zuge der homosexuellen Emanzipationsbewegung begannen in den 1970er Jahren Nachforschungen über die Verfolgung männlicher Homosexueller im Nationalsozialismus. Aktuelle Forschungsansätze zur LSBTTIQ-Geschichte im Nationalsozialismus sind in einem Sammelband zusammen gefasst (Schwartz 2015).

In jüngster Zeit wird LSBTTIQ-Geschichte gelegentlich von der universitären Wissenschaft realisiert. Mehr und mehr Abschluss- oder Qualifikationsarbeiten (Master, Doktor etc.) bereichern die Forschungslage. Nach wie vor gehört sie jedoch an den Universitäten zu den Randerscheinungen, und noch immer bestehen große Forschungslücken.

Die Forschungslage zu den Themen Transsexualität, Transgender und Transvestismus ist für Deutschland relativ dünn. Über die Zeit der Weimarer Republik existieren einige wenige Forschungen (Sutton 2012, Herrn 2005), Arbeiten zur NS-Zeit und zur frühen Bundesrepublik fehlen fast vollständig (stärker mit Gegenwartsfokus: Time 2012). Hier lohnt allerdings ein Blick in den englischsprachigen Forschungsstand, in dem die Trans*-Geschichte besser erforscht ist (Stryker 2008). Zur Geschichte von Intersexualität in Deutschland liegen bisher ebenfalls nur wenige Arbeiten vor (Klöppel 2010 und 2015).

Zur Geschichte weiblicher Homosexualität waren die Arbeiten von Ilse Kokula  bahnbrechend (Kokula 1981 und 1990). Seit den 1990er Jahren entstanden wichtige Werke, die sich mit den 1920er Jahren (Plötz 1999b, über Deutschland hinaus: Hacker 2015, Tamagne 2006), der NS-Zeit (Schoppmann 1991 und 2015, Eschebach 2012) und der frühen Bundesrepublik (Plötz 1999a und 2014, Leidinger 2015) befassen oder biographisch arbeiten (Boxhammer und Leidinger 2005).

Die strafrechtliche Verfolgung männlicher Homosexualität wurde seit den 1970er Jahren wissenschaftlich thematisiert (Lautmann 1977, Stümke 1981, Jellonnek 1990). Seit den 2000er Jahren entstanden weitere wichtige Standardwerke und Sammelbände über Leben und Verfolgung homosexueller Männer im Nationalsozialismus (als Auswahl: Jellonnek/Lautmann 2002, Grau/Schoppmann 2004, zur Nieden 2005, Giles 2005) und der frühen Bundesrepublik (Pretzel/Weiß 2010).

Regionalhistorische Forschungen

Viele Ergebnisse verdanken wir engagierten Personen, die außeruniversitär über die Geschichte gleichgeschlechtlichen Begehrens in ihrer eigenen Region forschten. Darstellungen von mann-männlicher Geschichte in Metropolen überwiegen dabei deutlich. Darunter sticht Berlin besonders hervor (z.B. Pretzel 2002, Schwules Museum 1997, Bollé 1984, Müller/Sternweiler 2000, Dobler 2004 und 2010, Beachy 2015). Zu nennen sind auch empirische Forschungen über die Verfolgung homosexueller Männer für Köln und Hamburg (Micheler/Terfloth 2002, Müller 2003, Rosenkranz et al. 2009). Teilweise sind einige Ergebnisse über lesbische Geschichte enthalten, in der Regel aber randständig. Aus Berlin kommt ein Überblick über die bisherige Erforschung lesbischen Lebens 1945-1969 (Leidinger 2015).

Neben die Konzentration auf Metropolen treten seit einigen Jahren erste Untersuchungen von Flächenländern. Akten der Verfolgung männlicher Homosexualität aus der NS-Zeit in Mecklenburg und Vorpommern wurden erkundet (Peters 2004). Für Nordrhein-Westfalen wurde ein erster Anforschungsbericht zur rechtlichen Verfolgung lesbischer Frauen nach 1945 vorgelegt (Boxhammer 2014). Rheinland-Pfalz beauftragte als erstes Flächenland eine Studie über Verfolgung männlicher und weiblicher Homosexualität von Kriegsende bis 1969 (Veröffentlichung im Januar 2017). Derzeit läuft ein ähnliches Projekt in Hessen, mit dessen Ergebnissen im Sommer 2017 zu rechnen ist.

Forschungen zu Baden, Württemberg und Hohenzollern

Für Baden und Württemberg während  des Nationalsozialismus‘ liegen verschiedene Forschungen vor (zum allgemeinen Forschungsstand über den Nationalsozialismus in Württemberg: Wein 2013; zur Aufarbeitung der Epoche in Baden-Württemberg: Steinbach et al. 2016).

Die bisherige Aufarbeitung von regionaler LSBTTIQ-Geschichte ist vor allem den vielen geschichtspolitischen Initiativen und freien Historiker_innen zu verdanken, die als Teil der LSBTTIQ-Bewegung historische Forschung betreiben.

Zur Erforschung von Frauen- und Lesbengeschichte im deutschen Südwesten liegen biographische und lokalhistorische Ansätze vor. Insbesondere die vielen lokalen Geschichtswerkstätten und frauenhistorischen  Stadtführungen tragen dazu bei, Frauen in der regionalen und lokalen Geschichte sichtbar zu machen. Biographische Forschungen zu lesbischen Frauen aus Baden und Württemberg betreibt vor allem Ilona Scheidle als freie Historikerin und im Kontext der Lesbisch-schwulen Geschichtswerkstatt Mannheim/Heidelberg  und dem Netzwerk Miss Marples Schwestern (Scheidle 2004, 2006 und 2011). Jüngst sammeln auch Museen Hinweise auf lokale schwul-lesbische Geschichte, so etwa das im Aufbau befindliche Stadtmuseum Stuttgart mit seiner Sammelaktion zu LSBTTIQ-Stadtgeschichte, die Ausstellung „Vom anderen Ufer?“ im Stadtmuseum Ludwigshafen an der Grenze zu Baden-Württemberg oder die derzeit in Vorbereitung befindliche Ausstellung „Freiburg im Nationalsozialismus“ des Augustinermuseums Freiburg.

Zur Verfolgungsgeschichte homosexueller Männer in Baden hat William Schaefer geforscht (Schaefer 2009).  Die Reutlinger Homosexuellengruppe Kameradschaft die runde wurde von Karl-Heinz Steinle untersucht (Steinle 1998). Ralf Bogen und Joachim Stein haben grundlegende Ergebnisse zur strafrechtlichen und polizeilichen Verfolgung homosexueller Männer vorgelegt (Bogen/Stein 2009, Bogen 2013, 2015a, 2015b). Beide Forscher sind Teil der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. Diese bürgerschaftliche Initiative konnte den geplanten Abriss der ehemaligen Gestapozentrale im Hotel Silber verhindern und arbeitet zusammen mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg und dem Stadtmuseum Stuttgart an der Konzeption eines neuen Gedenk- und Bildungsorts. Die Initiative trägt maßgeblich dazu bei, die Verfolgung homosexueller Männer durch die Stuttgarter Gestapo aufzuarbeiten. Lokale Stolperstein-Initiativen haben außerdem die Biografien zahlreicher männlicher homosexueller NS-Opfer aus Baden und Württemberg erforscht und ihnen zu Gedenken  Stolpersteine verlegt.

Derzeit laufen zudem zwei Forschungsprojekte mit Blick auf das Elsass: Eine Publikation von Jean-Luc Schwab über die Verfolgung männlicher Homosexueller im Elsass wird 2017 erscheinen, und Frédéric Stroh forscht in seiner Dissertation zur strafrechtlichen Homosexuellenverfolgung in Baden und dem Elsass während der NS-Zeit.

Als gemeinschaftliches Projekt von Ralf Bogen, William Schaefer, Kim Schicklang, Claudia Weinschenk, Werner Biggel und Rainer Hoffschildt entstand die Webseite „Der Liebe wegen“ zur nationalsozialistischen Verfolgung homosexueller Männer in Baden und Württemberg. Sie hat eine digitale Landkarte für Baden-Württemberg mit Biographien männlicher Opfer der NS-Homosexuellenverfolgung und Exkurse zu lesbischer und Trans*-Geschichte.

nr, kp

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