Queere Geschichte*n in Freiburg: Ein Audioguide que(e)r durch die Stadt

Queere Geschichte*n Freiburg: Ein Audioguide que(e)r durch die Stadt

von Lisa Okroi, Freiburg im Breisgau

Die 27 Stationen des Audioguides im Stadtgebiet von Freiburg im Breisgau. Quelle/Screenshot: Lisa Okroi, 2021.

Queere Geschichte*n Freiburg ist ein kostenloser Audioguide, der an 27 Stationen in Freiburg historische und aktuelle Geschichten über queere Personen, Themen, Ereignisse, Kontroversen, Szenen und Orte erzählt. Er kann auf der Webseite queere-geschichten-freiburg.de aufgerufen werden. Kernstück der Webseite ist eine interaktive Karte. Interessierte können sich dort Stationen nach Themen, Zeiträumen und Orten filtern und diese dann auf einer Tour que(e)r durch die Stadt aufsuchen, um sich die Audiobeiträge vor Ort anzuhören. Alternativ können die Beiträge auch wie ein Podcast von zu Hause angehört werden.

In der inoffiziellen „Zentrale der Homosexuellen von Freiburg“, der Wohnung eines Textilkaufmanns, findet 1949 eine Silvesterparty statt, auf der Männer miteinander tanzen. Das Treffen hat ein gerichtliches Nachspiel aufgrund des §175. Quelle/Foto: Lisa Okroi, 2021.

Zeitlich umspannt der Audioguide die Frühe Neuzeit bis heute. Es werden nicht nur homosexuelle Praktiken und Identitäten behandelt, sondern auch bisexuelle, asexuelle und genderqueere. Dabei kommen viele verschiedene Stimmen zu Wort – in Form von Originaltönen aus historischen und aktuellen Radiosendungen, Interview-Auszügen, Plakat-Ankündigungen, Zeitungsartikeln, etc. Thematisch verbinden sich ‚schwere‘ Geschichten etwa über NS-Verfolgung und Sodomiten-Prozesse mit erfreulicheren Geschichten etwa über historische und aktuelle Partys oder das Finden der großen Liebe. Dabei mischen sich im Audioguide Gedenken, Erinnern, Vermittlung von Wissen und Unterhaltung.

Die Audioguide-Stationen werfen Schlaglichter auf queeres Leben. Sie bieten keinen vollständigen Überblick über ‚die‘ queere Geschichte von Freiburg. Eine Meta-Geschichte übers Queer-Sein soll vielmehr explizit vermieden werden – stattdessen werden viele GeschichteN erzählt. Genau auf diese Position zwischen Geschichte und Geschichten verweist auch der Titel „Queere Geschichte*n Freiburg“.

Station zu Catharina Stadellmenin (1). Quelle/Foto: Lisa Okroi, 2021.

Station zu Catharina Stadellmenin (2). Quelle/Foto: Lisa Okroi, 2021.

 

 

 

 

 

 

 

Queering Public History – Publicising Queer History

Der Audioguide versteht sich als Public-History-Projekt. Er will Wissen über queere Geschichte öffentlich zugänglich machen und damit einen Beitrag zu einer reflexiven queeren Erinnerungskultur leisten. Die Stations-Orte sind auf den ersten Blick „ganz normale“ Plätze und Gebäude, hinter denen sich aber queere Bedeutungen verbergen: der Wohnort eines Frauenpaares Mitte des 20. Jahrhunderts, ehemalige Klappen und Cruising-Orte, feministische Zentren, Schauplätze von Verfolgung, und so weiter. Sich vor Ort auf die Spuren queerer Vergangenheit zu begeben, kann Queers einen emotionalen Zugangspunkt zu einer oft heterosexuell und cisgeschlechtlich dominierten Stadt eröffnen. Gleichzeitig sollen die Geschichten zum kritischen Nachdenken anregen: Durch den Blick zurück können wir nachvollziehen, wie die Kategorien und Denkweisen entstanden sind, die wir heute als selbstverständlich wahrnehmen. So kann uns Geschichte andere Blickwinkel auf Gegenwärtiges eröffnen.

Das „Bobbele“, ein wirtshausmäßig eingerichtetes Kellerlokal im Stadtteil Wiehre, ist ab Mitte/Ende der 1960er Jahre für einige Jahre die erste und einzige Ausgeh-Location für queere Personen in Freiburg. Es wird auch von Gästen aus der Schweiz und aus Frankreich besucht. Quelle/Foto: Lisa Okroi 2021.

Möglich geworden ist der queere Audioguide durch die kontinuierliche Erinnerungsarbeit von lokalen Forscher*innen und Aktivist*innen, die seit Jahren Geschichten finden, dokumentieren und archivieren – wie etwa die feministische Geschichtswerkstatt und das Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg oder das Forschungsprojekt „LSBTTIQ in Baden und Württemberg“. Andere Public-History-Projekte können wiederum gerne auf den unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichten Audioguide aufbauen.

Der zentral gelegene Colombipark ist in der Nachkriegszeit ein bekannter Cruising-Ort für Männer, die Sex mit Männern suchen. 1989 wird er zudem Schauplatz einer politisch-künstlerischen Aktion zum Gedenken an schwule NS-Opfer. Quelle/Foto: Lisa Okroi, 2021.

Lisa Okroi ist Studentin der Soziologie an der Universität Freiburg im Breisgau sowie Aktivistin für queere und feministische Belange. Den Audioguide hat sie 2020/21 im Rahmen eines Studienprojekts entwickelt.

Kontakt: queeregeschichtenfreiburg@riseup.net, Instagram @queere_geschichten_freiburg

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