Sprechen zum § 175 in Gesellschaft und gerichtlicher Praxis im Wandel

Sprechen zum § 175 in Gesellschaft und gerichtlicher Praxis im Wandel

Öffentlicher Online-Vortrag von Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle

Universität Stuttgart, Freitag, 4. Februar 2022, 09:45 – 11:15 h

Organisiert vom Sprachenzentrum und dem Service Gender Consulting der Universität Stuttgart im Rahmen der Ringveranstaltung „Gender & Diversity in Sprache, Gesellschaft und Praxis“.

Ansprechpersonen:

Manuela Schlummer-Held, Referentin Gender Consulting gender-consulting@uni-stuttgart.de

Anna-Maria Wenzel-Elben, Sprachenzentrum anna-maria.wenzel-elben@sz.uni-stuttgart.de

Die Veranstaltung findet per Webex statt. Bitte melden Sie sich per E-Mail (gender-consulting@uni-stuttgart.de) zum Online-Vortrag an. Sie erhalten anschließend den Link zur Veranstaltung. Vielen Dank!

Humanitas. Monatszeitschrift für Menschlichkeit und Kultur, Ausgabe Februar 1955 mit einer Titelillustration von Charles Grieger (Verlag Christian Hansen Schmidt, Hamburg). Sammlung Karl-Heinz Steinle.

Der erste Teil des Online-Vortrags befasst sich mit den Urteilen der Gerichte, insbesondere der Stellungnahmen der Richter und Staatsanwälte, aus denen wir als Historiker_innen einen Einblick in den Sprachgebrauch über homosexuelle Männer vor Gericht erhalten. Dieser (staatliche) Sprachgebrauch von Amtsträgern – absolut selten waren es in diesem Bereich in den 1950er und 1960er Jahren Amtsträgerinnen – bildete neben dem Strafrechtsparagrafen selbst, eine wesentliche Grundlage für eine weitreichende gesellschaftliche Repression gegenüber homosexuellen Männern. Vor dem Hintergrund der auch nach 1945 weiterbestehenden NS-Strafrechtsparagrafen 175 StGB und 175a StGB wurden homosexuelle Männer im Kommunikationsraum der Gerichte auch nach 1945 zu Delinquenten. In welcher Weise über homosexuelle Männer gesprochen wurde, war folglich maßgebliche Grundlage für eine gesellschaftliche Wahrnehmung homosexueller Männer.

Stempel und Streichholzbriefchen des Tübinger Lokals „Pub 13“ aus dem Nachlass von Rainer Willnauer (1939-2018). Foto von Udo Rauch 2020. Stadtarchiv Tübingen.

Der zweite Teil des Vortrags geht auf die zahlreichen Sprachschöpfungen ein, die mit der Existenz eines Paragrafen, wie den viele Personen kriminalisierenden Paragrafen 175 zusammenhängen. Vorgestellt werden Fremdbezeichnungen und Selbstbezeichnungen, zwischen denen ständige Wechselwirkungen bestehen. Fremdbezeichnungen wurden meist im Kontext medizinischer, strafrechtlicher und soziologischer Einordnungen und Abgrenzungen geprägt und haben häufig einen pathologisierenden, kriminalisierenden, ausgrenzenden und einengenden Subtext, was in jüngerer Zeit zunehmend hinterfragt wird. Selbstbezeichnungen dagegen entstanden und entstehen als Reaktion darauf und haben einen selbstbewussten, auch widerständigen Subtext oder sie gehen auf Insider-Codes bestimmter Gruppen zurück.

Zur Einstimmung:

Blogbeitrag von Dr. Julia Noah Munier auf der Webseite des Forschungsprojekts der Abtl. Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Universität Stuttgart (Prof. Dr. Wolfram Pyta): „Aufruf: Dokumente von Richtern und Staatsanwälten aus Privatbesitz gesucht!“ https://www.lsbttiq-bw.de/2020/04/28/aufruf-dokumente-von-richtern-und-staatsanwaelten-aus-privatbesitz-gesucht/

Precarious Archives, Precarious Voices

Precarious Archives, Precarious Voices. Expanding Jewish Narratives from the Margins

Workshop am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust Studies

Mittwoch, 17.11.2021 bis Freitag, 19.11.2021

Mit dem Beitrag von Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle:

„Methodische Herausforderungen und Lösungsansätze in der historiografischen Forschung zu Lebenswelten und Verfolgungsschicksalen homo- und bisexueller Männer“ Read More

Möglichkeitsräume homosexuellen Lebens in Baden-Württemberg zwischen Repression und Emanzipation

Möglichkeitsräume homosexuellen Lebens in Baden-Württemberg zwischen Repression und Emanzipation. Online-Vortrag von Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle

Universität Stuttgart, Donnerstag, 21. Oktober 2021, 10:00 – 11:30 h

Organisiert wird der Online-Vortrag vom Prorektorat Wissenschaftlicher Nachwuchs und Diversity der Universität Stuttgart. Die Ansprechpersonen sind:

Read More

Wer war Emil Scheifele?

Julia Noah Munier zum heutigen Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT)

Homophiles Engagement in der unmittelbaren Nachkriegszeit – wer war Emil Scheifele?

Er schrieb einen Brief an Konrad Adenauer, wollte schon 1947 vom Magistrat von Groß-Berlin wissen, wie es um die Abschaffung des § 175 bestellt war, kontaktierte Oberstaatsanwälte und hatte ein Netzwerk von Gleichgesinnten um sich: Der Stuttgarter Emil Scheifele. Wer war dieser Mann, den ein außergewöhnliches Engagement auszeichnet?1 Read More

Die Einführung der Gender-Option „divers“ in die Rechtssprache der Bundesrepublik Deutschland

Die Einführung der Gender-Option „divers“ in die Rechtssprache der Bundesrepublik Deutschland

Webinar mit Fabio Proia (UNINT Rom) und Karl-Heinz Steinle (Universität Stuttgart)

Donnerstag, 6. Mai 2021 von 10 – 11.30 h

Veranstaltet von: C.I.R.C.Ge – Centro Interdisciplinare di Ricerca sulle Culture di Genere / Interdisziplinäres Zentrum zur Erforschung von Geschlechterkulturen an der UNINT – Università degli Studi Internazionali di Roma Read More

Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Dr. Irmgard Ehlers, von 1986 bis 2018 Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll im Arbeitsbereich „Kommunalpolitik, öffentliche Verwaltung, Zivilgesellschaft“, zum 26. April 2021, dem Internationalen Tag der lesbischen Sichtbarkeit

Die Evangelische Akademie Bad Boll wurde im Herbst 1945 von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gegründet und ist bis heute die älteste und größte Evangelische Akademie in Deutschland und weltweit. Sie ist eine unselbstständige Bildungseinrichtung. Die Direktion wird vom Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart berufen. Trotz der finanziellen und arbeitsrechtlichen Abhängigkeit verstehen sich Evangelische Akademien als Orte des Dialogs und der konstruktiven Streitkultur und beanspruchen gedanklichen und politischen Freiraum. Read More

Unzucht getrieben mit verdorbenen Subjekten der Großstadt

Auf den Spuren des Orientalisten und Religionslehrers Dr. Dr. h.c. Heinrich Seeger

Udo Rauch, Stadtarchivar von Tübingen, zum 27. Januar 2021, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und International Holocaust Remembrance Day

Der Text entstand im Rahmen des Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Queer durch Tübingen“ vom Stadtarchiv Tübingen in Kooperation mit dem Stadtmuseum Tübingen. Die hier vorliegende Fassung ist stark gekürzt, in seiner vollen Länge wird der Text im Katalog zur Ausstellung erscheinen, die im Herbst 2021 eröffnet wird. Read More