Unzucht getrieben mit verdorbenen Subjekten der Großstadt

Auf den Spuren des Orientalisten und Religionslehrers Dr. Dr. h.c. Heinrich Seeger

Udo Rauch, Stadtarchivar von Tübingen, zum 27. Januar 2021, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und International Holocaust Remembrance Day

Der Text entstand im Rahmen des Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Queer durch Tübingen“ vom Stadtarchiv Tübingen in Kooperation mit dem Stadtmuseum Tübingen. Die hier vorliegende Fassung ist stark gekürzt, in seiner vollen Länge wird der Text im Katalog zur Ausstellung erscheinen, die im Herbst 2021 eröffnet wird.

 

Studienrat Heinrich Seeger. Ausschnitt aus: Gymnasium Tübingen / Uhlandgymnasium, Lehrer Frühjahr 1924 – 1933, Fotografie, Stadtarchiv Tübingen, EV: 17280

Im August 1939 war die politische Lage zum Zerreißen gespannt. Nur das Wetter zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die Biergärten und Bäder waren gut besucht. Die Menschen genossen das Leben noch einmal in vollen Zügen. Es war der letzte friedliche Sommer in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg. Auch Heinrich Seeger, ausgebildeter evangelischer Pfarrer, leidenschaftlicher Orientalist und seit vielen Jahren schon Religionslehrer am Uhlandgymnasium in Tübingen, freute sich auf die großen Sommerferien. Die Zeugnisse waren geschrieben, die Koffer gepackt. Er plante eine Reise nach Breslau. Dort kannte er Menschen, die ihn mochten und seine wissenschaftliche Arbeit zu schätzen wussten. Die Universität Breslau hatte ihn 1929 ehrenhalber sogar zum Doktor der Theologie gemacht. Doch der Besuch in der Hauptstadt Schlesiens geriet zur persönlichen Katastrophe. Heinrich Seeger wurde dort am 11. August 1939 von der Gestapo verhaftet. Der Vorwurf: Er habe „Unzucht getrieben mit anderen Männern“. Der Paragraf 175, der von den Nationalsozialisten verschärft worden war, traf ihn mit voller Wucht. Er kam ins Gefängnis, verlor in der Folge seine Beamtenstelle und kehrte nie mehr nach Tübingen zurück. Sein Leben als angesehener Lehrer und Wissenschaftler war zerstört.

Enkel von Hotelier Heinrich Silber

Rückblende: Heinrich Seeger wurde am 30. April 1888 in Stuttgart geboren. Sein Vater war Kaufmann und besaß ein großes Haus im Stuttgarter Westen (Reinsburgstraße 33). Sein Großvater mütterlicherseits war Hotelier Heinrich Silberi, der Eigentümer des bekannten Hotels Silber, das im Kaiserreich zu den Nobelherbergen Stuttgarts zählte. Später sollte sich hier die Gestapo einquartieren. Seit 2018 ist das Gebäude Gedenkort für die Verbrechen des Nationalsozialismus, wo auch die Verfolgung von Homosexuellen thematisiert wird.

Hotel Silber und Kaiser Wilhelm-Denkmal Stuttgart
Postkarte Kgl. Württ. Hofkunstverlag Freytag, Stuttgart
Poststempel 31. Mai 1901, Stadtarchiv Tübingen

1908 im Alter von 20 Jahren legte Heinrich Seeger die Reifeprüfung am Stuttgarter Karlsgymnasium ab und begann ein Theologiestudium als „Stadtstudent“ an der Tübinger Universität.ii Er setzte es 1910/11 in Berlin fort, um es schließlich im Herbst 1912 wiederum in Tübingen mit der Ersten Dienstprüfung abzuschließen. Seiner Studentenakte im Universitätsarchiv lässt sich entnehmen, welche Vorlesungen er besuchte. Bemerkenswert ist sein Interesse für die semitischen Sprachen, darunter Arabisch, Syrisch und Aramäisch.

Stipendiat im Heiligen Land

Von Januar bis Juni 1914 war Vikar Seeger Stipendiat des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft in Jerusalem. Nach seiner Rückkehr wurde Seeger im Juli 1914 Stadtvikar am Ulmer Münster. Es ist nicht bekannt, warum Seeger sein Vikariat ausgerechnet in Ulm absolviert hat. Der dortige Dekan Heinrich Holzinger (1863-1944) muss ihm jedoch seelenverwandt gewesen sein. Beide, Seeger und Holzinger, waren begeisterte Orientalisten und Mitglieder der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Holzinger hielt Seeger für sehr befähigt und schrieb mehrfach positive Beurteilungen. In seinem letzten Bericht heißt es zusammenfassend: „Seeger hat persönlich eine durchaus anziehende Art… [ist] im Urteil selbständig [und] als Prediger in der Gemeinde beliebt. Er scheint mir auch für schwierigere Gemeinden, nicht minder für Religionsunterricht an höheren Schulen berufene Kraft zu sein… Seeger hat eine nicht gewöhnliche Gabe fürs Unterrichten.“iii 1917 kurz vor Ende seiner Ulmer Dienstzeit legte Seeger seine zweite Theologische Dienstprüfung über antike Wasserleitungen in der Jericho-Ebene ab.

Lehrer in Tübingen

Vielleicht war es die freundliche Beurteilung von Dekan Holzinger, die Seegers weitere berufliche Laufbahn lenkte. 1919 wurde er Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen und von dort aus im April 1923 Lehrer am Uhlandgymnasium. Parallel dazu übernahm er auch Lehrverpflichtungen an der Universität. Ein Zeugnis im Archiv des Evangelischen Stifts bescheinigt ihm am 22. Juli 1922: „Seegers wissenschaftliche Bedeutung ist an der theologischen Fakultät anerkannt. Er hält seit einer Reihe von Semestern viel besuchte Vorlesungen und hat die Lic.-Prüfung magna cum laude erstanden. Seine Übungen im Stift zeichnen sich durch Klarheit und Lebendigkeit aus. Auch am Gymnasium hat er einen ungemein anregenden Unterricht erteilt. Er besitzt eine schöne Gabe mit der Jugend zu verfahren. [Er ] würde sich für den Posten eines [gestrichen: Religions-] Seminarlehrers vorzüglich eignen.“iv

Tübingen, Partie am Anlagensee mit Gymnasium und Schloss, Verlag H. Sting Tübingen. Poststempel 17. September 1917, Stadtarchiv Tübingen

Die Rückkehr nach Tübingen nutzte Seeger, um seine wissenschaftliche Ausbildung zu vervollständigen. So promovierte er am 13. Januar 1921v ein erstes Mal zum Dr. phil. mit einer Vertiefung über das Thema „Die antiken Wasserleitungen bei Jericho als Denkmäler hellenistischer und frühchristlicher Kultur“. Am 13. Mai 1922vi promovierte er ein zweites Mal zum Lic. theol. mit einer Abhandlung über „Die Triebkräfte des religiösen Lebens in Israel und Babylon“. Diese Arbeit erschien 1923 bei J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen. Am 14. November 1929vii wurde ihm für seine wissenschaftlichen Leistungen von der Universität Breslau der Titel eines Dr. theol. h.c. verliehen.

1929 ergab sich für ihn eine einmalige Chance: Er wurde auf Grund seiner Verdienste und Kenntnisse zum Leiter des „Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes“ nach Jerusalem berufen. Der einjährige Aufenthalt in Palästina war sicherlich die Krönung von Seegers wissenschaftlicher Laufbahn. Allerdings war seine Zeit im Heiligen Land schon bald von „beklagenswerten Unruhen“ überschattet, „in denen sich die seit langem gärende Erregung des arabischen und des jüdischen Bevölkerungsteils Palästinas gegeneinander entlud“ – so der Bericht im „Palästinajahrbuch“ des Instituts.viii Der schon lange währende Streit zwischen Arabern und Juden, in dem es u.a. um die Klagemauer in Jerusalem ging, eskalierte im August 1929 und führte zum sogenannten Massaker von Hebron, bei dem 67 jüdische Menschen ermordet wurden. Seegers Reisen und das Programm am Institut mussten deshalb eingeschränkt werden. Auch seine Hoffnung auf eine Verlängerung seiner Stelle in Jerusalem erfüllten sich nicht. So kehrte Heinrich Seeger im April 1930 wieder zurück nach Tübingen.

Hinwendung zur Bekennenden Kirche

Im Januar 1933 erlangten die Nationalsozialisten die Macht. Auch die Religionslehrer wurden zum Treueid auf den Führer verpflichtet und auf ihre weltanschauliche Einstellung hin überwacht. Denunzianten lieferten den Parteistellen gezielt Informationen über NS-Gegner. Seeger geriet schon bald ins Visier. Am 24. Oktober 1934 beschwerte sich die „Ministerialabteilung für die höheren Schulen“ beim Rektorat des Gymnasiums: „Dem Vernehmen nach hat Studienrat D. Dr. Seeger in den vergangenen Wochen und Monaten den Religionsunterricht vor allem an den oberen Klassen weitgehend dazu benützt, um die ablehnende Haltung, die er persönlich zu der Deutschen Evangelischen Kirche und deren Leiter einnimmt, den Schülern gegenüber zum Ausdruck zu bringen, und hat dadurch eine Unruhe hervorgerufen, vor der die heranwachsende Jugend so gut als irgend möglich verschont bleiben müsste.“ix Seeger hatte also die Gleichschaltung der evangelischen Kirche vor den Schülern kritisiert. Offenbar stand er der Bekennenden Kirche nahe, die sich in Opposition zu den Nazis gegründet hatte. An ihrer Spitze stand der damalige Landesbischof Theophil Wurm (1868-1953). Im September 1934 versuchten die Nationalsozialisten Wurm kaltzustellen. Er wurde unter Hausarrest gestellt und ein Kommissar für ihn eingesetzt. Überall im Lande – nicht nur in Tübingen – führt das zu der erwähnten Unruhe in den evangelischen Gemeinden. Nur Drei Tage vor dem Seeger betreffenden Beschwerdeschreiben der Schulbehörde, hatten sich am 21. Oktober 1934 rund 7000 Menschen zu einer Demonstration vor dem Wohnsitz des Landesbischofs in der Stuttgarter Silberburgstraße eingefunden. Es war wohl die größte Kundgebung gegen die NS-Politik in den 1930er Jahren.

In dieser angespannten Lage war Seegers Parteinahme für die Bekennende Kirche mehr als heikel. Das Rektorat des Uhlandgymnasiums versuchte die Schulbehörde in Stuttgart zu beruhigen und betonte: Man hätte zunächst „keine Bedenken gegen die Besprechung kirchlicher Zeitfragen im Unterricht [gehabt], zumal an der Sachlichkeit Dr. Seegers nicht zu zweifeln war“. Dann aber verwies der Schulleiter darauf, dass Seeger klar sein musste, dass er sich im Unterricht nicht politisch äußern durfte: „Wenn er trotzdem noch den Schülern bis zu einem gewissen Grade Rede stand, so findet das keine Rechtfertigung. Erklärlich wird es durch die Erwägung, dass in einer Zeit allgemeiner, heftiger Erregung über die Vorgänge in der evangelischen Kirche ein Mann von so schwacher pädagogischer Widerstandskraft, wie sie bei Dr. Seeger schon immer festzustellen war, dem Drängen der Schüler nicht ganz gewachsen sein mochte.“ Der Rektor stellte hier Seegers Mut als pädagogische Schwäche dar. Soweit der Personalakte Seegers zu entnehmen ist, verlief die Angelegenheit im Sand. Seeger war aber gewarnt und dürfte sich in den folgenden Jahren vorsichtiger verhalten haben, auch wenn er weiteren Zumutungen nicht ganz ausweichen konnte. So musste er, um seine Stelle zu behalten, den Treueid auf den Führer ablegen und wurde notgedrungen Mitglied in zwei NS-Unterorganisationen, dem Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt sowie im Nationalsozialistischen Lehrerbund.

Studienrat mit großem Geheimnis

Über all diese Jahre hinweg schaffte es Heinrich Seeger, sein homosexuelles Begehren für sich zu bewahren. Die ihn einengende Tübinger Lebenswelt kann man sich vorstellen, wenn man einen Blick ins Tübinger Adressbuch wirft. Seeger wohnte seit 1923 in der Eugenstraße 32, zweiter Stock. Anfangs war die Bauratswitwe Maria Steudel seine Wohnungsgeberin. Offenbar teilte man sich die Wohnung. Seeger war also Untermieter.x Seit 1935 war er der alleinige Bewohner. Ob ihm das etwas mehr Privatsphäre gebracht hat, mag bezweifelt werden. Denn eine Etage tiefer wohnte Oskar Gmelin (1875-1955). Der Jurist und überzeugte Nationalsozialist war zunächst Staatsanwalt, dann Amtsgerichtsdirektor. Als Vorsitzender des Erbgesundheitsgerichts war er zuständig für die Umsetzung der NS-Eugenik in Tübingen. In seiner Amtszeit wurden an den Tübinger Kliniken 1240 Frauen und Männer zwangsweise unfruchtbar gemacht.xi

Tübingen, Partie bei der Eberhardskirche, Verlag: H. Sting Tübingen, Stadtarchiv Tübingen, Postkartensammlung Hartmaier, Album 33, links Eugenstraße 32

Oskar Gmelin und Heinrich Seeger waren beide Mitglieder der Studentenverbindung Normannia. Nicht auszuschließend, dass der ältere Gmelin für den jüngeren Seeger die Wohnung aufgetan hatte. Als alte Normannen werden sie sich bestimmt gekannt haben. Verständnis für sein Begehren dürfte Seeger in der Eugenstraße 32 bestimmt nicht gefunden haben. Möglicherweise waren es deshalb nur seine Reisen und Urlaube, die ihn der Erfüllung seiner Wünsche etwas näher bringen konnten. Vermutlich blieb es aber nur bei kurzen Kontakten . Eine gelebte Liebesbeziehung unter Männern im nationalsozialistischen Tübingen der 30er oder 40er Jahre ist nur schwer vorstellbar, obwohl es sie gegeben hat, wie wir im Rahmen des Forschungsprojektes recherchieren konnten.

Verhaftung und Verurteilung in Breslau

Seine Urlaubsreise im August 1939 nach Breslau wurde Heinrich Seeger zum Verhängnis. Er wurde offenbar an einem Treffpunkt für Homosexuelle von der Gestapo beobachtet, verhaftet und vermutlich mit den bekannten Verhörmethoden der Nationalsozialisten zu einem Geständnis gebracht. Seeger gab zu „in den Jahren 1934 bis 1939 in verschiedenen Städten des Inlands zuletzt am 9. August 1939 in Breslau durch mindestens 15 selbständige Handlungen als Mann mit anderen Männern durch gegenseitige Onanie Unzucht getrieben zu haben“.xii Neun Fälle wurden später für die Urteilsfindung herangezogen. Gegenseitige Onanie unter Männern war bis 1935 straffrei, erst die Nationalsozialisten hatten den § 175 um diesen Tatbestand erweitert.

Fechterbrunnen an der Universität Breslau, Postkarte Ansichtskartenfabrik Lübeck, nicht gelaufen, Stadtarchiv Tübingen

Im Rahmen der Recherchen zum Forschungsprojekt „Queer durch Tübingen“ nahm das Stadtarchiv Tübingen Kontakt mit Joanna Ostrowska in Warschau auf, der an dieser Stelle herzlich gedankt sei! Die polnische Historikerin konnte die Akte über Heinrich Seeger im Universitätsarchiv des bis 1945 deutschen Breslau heute Wrocław) ermitteln und Einsicht nehmen. Diese Unterlagen befassen sich vor allem mit dem Entzug der Breslauer Doktorwürde und enthalten auch Abschriften der Gerichtsunterlagen. Demnach entfaltete das umfangreiche Geständnis Seegers und sein Versprechen sich zu „bessern“ zunächst eine positive Wirkung. Jedenfalls ging das Amtsgericht Breslau in erster Instanz in seinem Urteil vom 27. Oktober 1939 davon aus, „dass der Angeklagte keine höhere Strafe als 3 Monate Gefängnis verwirkt habe“. Das Verfahren sei deshalb einzustellen und Seeger im Rahmen eines allgemeinen Gnadenerlasses des Führers zu amnestieren. Das hätte mit großer Wahrscheinlichkeit bedeutet, dass Seeger sofort freigekommen wäre und seine Titel hätte behalten können. Vielleicht wäre ihm auch ein Anfang als Lehrer an einer neuen Schule gelungen. Doch die Staatsanwaltschaft ging in Berufung mit dem Ziel, ein deutlich höheres Strafmaß zu erwirken. Treibende Kraft war Staatsanwalt Hans-Otto Schoengarth.xiii

Seegers Fall wurde deshalb in zweiter Instanz vor der 2. Strafkammer des Landgerichts in Breslau verhandelt. Dessen Urteil vom 5. März 1940 war für Seeger ein Desaster: Das Strafmaß wurde auf sechsMonate erhöht. Eine Amnestie war damit ausgeschlossen: Seegers Richter formulierte es so: „Von einem Ausnahmefall, der eine besonders milde Beurteilung rechtfertige, wie die Verteidigung meint, kann keine Rede sein, mag auch der bisher unbestrafte Angeklagte sich durch ein freimütiges Geständnis selbst bezichtigt haben, mag er auch seine homosexuelle Neigung bekämpft und sich insbesondere gehütet haben, seinen Beruf als Lehrer und die sich daraus in besonderem Maße ergebende Gelegenheit zur gleichgeschlechtlichen Betätigung zu missbrauchen… Entscheidend ist […], dass der Angeklagte nicht im Stande war, das ihm seit vielen Jahren anhaftende Laster aus eigener Kraft von sich abzuschütteln. Er hat zugegeben, dass er in dem Augenblick seiner Verhaftung im Begriffe war, einen geeigneten Mann zur Befriedigung seines homosexuellen Triebes zu suchen. Er hat ferner ausdrücklich erklärt, dass er das Geständnis bei der Polizei mit dem vollen Bewusstsein aller seiner Folgen und mit dem Bedürfnis abgelegt hat, seine Taten zu sühnen, um alsdann ein neues Leben anfangen zu können. Unter diesen Umständen würde aber eine amnestierte Freiheitsstrafe von nicht mehr als 3 Monaten dem Strafzweck nicht entsprechen…“.xiv Das Urteil zu sechs Monaten Gefängnis war ein gefährlich hohes Strafmaß, führte es doch vielfach dazu, dass die Verurteilten nach Verbüßung ihrer Strafe in ein KZ eingewiesen wurden.xv

Entzug des Doktortitels in Tübingen

Während Seeger seine Strafe im Gefängnis absaß, forderte die Universität Tübingen die Strafakte Seegers aus Breslau an, um den Entzug der Doktorwürde in die Wege zu leiten. Das war damals übliche Praxis. Am 13. Juni 1940 schrieb der Rektor der Universität an die Dekane aller Fakultäten. Er zitiert dabei umfänglich aus dem ihm vorliegenden Breslauer Gerichtsurteil: „Auch die Tatsache, dass er infolge seiner Verurteilung seines Amtes als Lehrer, seines gesellschaftlichen Ansehens und wohl auch seiner Doktortitel verlustig gehen wird und dass in Zukunft sein Bestreben nach wissenschaftlicher Betätigung erschwert sein wird, rechtfertigt bei der Strafzumessung keine allzu erhebliche Berücksichtigung zu Gunsten des Beklagten. Entsprechend seiner gehobenen Bildung und Stellung im öffentlichen Leben trug er eine erhöhte Verantwortung. Wenn er sich dieser Stellung nicht würdig gezeigt hat, so hat er auch die mit ihrem Verlust verbundenen Nachteile auf sich zu nehmen.“ Ein kurzer Randvermerk dokumentiert die Zustimmung der Fakultäten. Seegers Doktorgrade sollten entzogen werden. Einer der Dekane fügte in einer späteren Äußerung rechtfertigend noch hinzu, Seeger habe sich schließlich „mit verdorbenen Objekten der Großstadt“ abgegeben. Auch die Universität Breslau schloss sich diesem Verfahren an und sprach zum 2. Oktober 1940 ebenfalls eine Aberkennung des Ehrendoktors aus.xvi

Während in Tübingen und Breslau das Verfahren zum Entzug der Doktorwürde betrieben wurde, lief in Stuttgart ein förmliches „Dienststrafverfahren“ gegen Studienrat Heinrich Seeger, der ja bislang nur vorläufig des Dienstes enthoben worden war. Seine Personalakte als Landesbeamter, die das eigentlich im Detail wiedergeben müsste, befindet sich heute im Staatsarchiv Ludwigsburg.xvii Sie enthält allerdings nur noch drei Blatt mit dem folgenden Vermerk vom 26. März 1946: „Die Personalakten von Studienrat Heinrich Seeger, Tübingen, sind, da er entlassen wurde, auch vernichtet worden auf Grund der Anordnung des Reichsstatthalters.“ Immerhin – so viel kann man den wenigen noch erhaltenen Blättern entnehmen: Seeger wurde wegen seiner Vergehen nach § 175 mit Urteil vom 4. 10. 1940 dauerhaft aus dem Dienst entfernt. Er sollte allerdings 5 Jahre lang noch einen „Unterhaltsbeitrag“ bekommen, blieb also zunächst nicht ganz mittellos. Trotzdem dürfte Seeger am Boden gelegen haben. Sein Ruf war ruiniert und seine bürgerliche Existenz zerstört.

Gefallen in Berlin

Was nach seinem Gefängnisaufenthalt in Breslau geschah, lässt sich nur noch fragmentarisch aus Seegers Personalakte beim Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart erschließen.xviii Offenbar hat Landesbischof Theophil Wurm persönlich seine schützende Hand über ihn gehalten. Monat für Monat lässt er ab 1.1.1941 aus einem persönlichen Fond 50 RM „Beitrag für Dr. Seeger“ nach Berlin überweisen. Damit trägt er zur Finanzierung einer Stelle beim Evangelischen Bund bei. Zu Seegers Aufgabe gehörte dort „der Neuaufbau des Nachrichtendienstes des Evangelischen Bundes“. Wer hatte ihm diese Stelle besorgt? War das Wurm? Oder vielleicht Seegers alter Dekan Heinrich Holzinger in Ulm, der sehr aktiv im Evangelischen Bund gewesen war? Fragen, die sich bislang nicht beantworten lassen.

Theophil Wurm, Fotografie 1941, Stadtarchiv Tübingen, Nachlass Dekan Faber

Am 6. August 1941 meldet sich Seeger ein letztes Mal beim Oberkirchenrat in Stuttgart: Er fürchtet, dass „ich aus meiner Tätigkeit herausgeholt und in irgendeinen kriegswichtigen Betrieb gesteckt werde“. Er bittet um eine schriftliche „Dienstverpflichtung“ für seine gegenwärtige Tätigkeit. Offenbar hatte er beobachtet, dass andere mit dieser Dienstverpflichtung nicht abkommandiert wurden. Der Oberkirchenrat lehnte jedoch umgehend ab und lieferte eine eigenartige Begründung: „Der Ihnen gereichte Gehaltsteil fließt aus dem Versorgungsbeitrag des Herrn Landesbischofs. Er beruht daher nicht auf einer finanziellen Verpflichtung der Landeskirche“. Seeger wurde deshalb nicht von seiner Landeskirche „unabkömmlich“ gestellt.

Aus den folgenden Kriegsjahren liegen in der Akte keine Nachrichten über Seeger vor. Sein Schicksal bleibt ungewiss. Erst am 7. Januar 1946 wendet sich die Diakonisse Paula Kolbxix mit einem handschriftlichen Postkärtchen aus Freudenstadt persönlich an Landesbischof Wurm. Sie geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Sie eine für den Bischof wichtige Nachricht mitzuteilen hat: Sie berichtet ihm von den Todesumständen Heinrich Seegers. Er sei am 25.4.1945 in Berlin-Lichterfelde gefallen. Man habe ihn noch kurz vor Kriegende 1945 zum Volkssturm eingezogen „bei der Brückenbewachung“. „Sie hätten aber gegen Fliegerangriffe gar keine Deckung“ gehabt. Offenbar ein aussichtsloses Unternehmen.

Nachleben

Im Jahr 2003 wurde Heinrich Seeger offiziell rehabilitiert. Mit einer Pressemitteilung vom 25. November 2003 nahm die Universität Tübingen die unberechtigte Aberkennung von Doktorgraden in der Nazizeit zurück.xx . Mitgeteilt wurde 2003 allerdings nicht, warum es zum Entzug der Doktorwürde gekommen war. Als der Oberkirchenrat 2003 von der Rehabilitierung Seegers erfuhr, war er der Meinung, dass dies „in einem Artikel für Arbeit und Besinnung aufgearbeitet werden soll“ – so der Randvermerk eines Schriftstücks in der Personalakte Seegers. Arbeit und Besinnung heißt die offizielle Zeitschrift für die Beschäftigten bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Man begann über Seeger zu recherchieren, wandte sich an die Universität Tübingen und erfuhr nun erst den Grund für die Aberkennung im Jahr 1940. Daraufhin nahm der Oberkirchenrat Abstand von einer weiteren Beschäftigung mit dem Schicksal Seegers: Es „ist von einer weiteren Veröffentlichung abzuraten, da Herr Seeger nicht aus politischen, sondern offensichtlich aus persönlichen Gründen Licentiat und Promotion aberkannt wurden.“ Seeger wurde also von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg bislang nicht rehabilitiert.

Vielleicht wäre es an der Zeit, diese Haltung zu überdenken. So rehabilitierte zum Beispiel im letzten Jahr die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg ihren ehemaligen Pfarrer Friedrich Klein. Die Fälle sind durchaus vergleichbar. Klein war 1942 nach Paragraf 175 verurteilt worden und hatte in der Folge den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt.xxi

Falls Sie Hinweise zum Lebensweg von Heinrich Seeger geben können oder vielleicht sogar Dokumente oder Fotografien haben, würden wir uns über eine Nachricht an das Stadtarchiv Tübingen freuen (archiv@tuebingen.de).

 

Fußnoten:

i Auskunft des Stadtarchivs Stuttgart vom 5. November 2019 aus dem Familienregister für Eugen Seeger und seine Ehefrau Anna Silber. Demnach besaß Heinrich Seeger noch eine Schwester namens Charlotte (geb. 1894), die sich 1919 mit Friedrich Wilhelm Erhard, Fabrikant in Schwäbisch Gmünd verehelichte. Sie liegt laut Grabstein seit 1986 auf dem Leonhardsfriedhof in Schwäbisch Gmünd begraben.

ii Studentenakte, Universitätsarchiv Tübingen 258/17636.

iii Holzinger hatte das Tübinger Bürgerrecht durch „Abstammung“, Bürgerbuch Stadtarchiv Tübingen A70/420 Nr. 2258 und A70/422 Nr. 943. Sein Vater war der Mädchenschullehrer Johann Gottfried Holzinger (1832-1895). Und Holzinger war sehr aktiv im Evangelischen Bund. Nicht zuletzt war er bis 1933 Mitglied des Konsistoriums.

iv Repetenten 1897-1943, Archiv des Evangelischen Stifts 386/1.

v Promotionsbuch Universitätsarchiv Tübingen Phil. Fakultät, UAT 15/13a Bl. 134.

vi Verzeichnis der lic. Promotionen Universitätsarchiv Tübingen UAT 162/870.

vii Verleihung der Ehrendoktorwürde an Heinrich Seeger am 14.11.1929 durch die Evangelische Theologische Fakultät der Universität Breslau; freundliche Mitteilung von Joanna Ostrowska, Warschau, nach Unterlagen des Universitätsarchivs Breslau.

viii Palästinajahrbuch des Deutschen evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft, 27. Jg. (1931) S. 5.

ix Personalakte Heinrich Seeger am Uhland-Gymnasium Stadtarchiv Tübingen E103/2 Fasz. 415.

x Einwohnermeldekarteien Stadtarchiv Tübingen Bestand A599 sowie A573.

xi Bericht des Arbeitskreises Universität Tübingen im Nationalsozialismus zu Zwangssterilisationen an der Universität Tübingen, in: Urban Wiesing u.a. (Hrsg), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, S. 1111-1121 (=Contubernium Bd. 73).

xii Entzug von Doktorgraden Universitätsarchiv Tübingen UAT 117/288 Nr. 23.

xiii Schoengarth, Hans-Otto, Dr., geb. 29.8.1905, Staatsanwalt beim Sondergericht Breslau (Wroclaw), nach dem Krieg Amtsgerichtsrat in Hagen, https://landauerjustiz.wordpress.com/justiz-braunbuch-auszug/

abgerufen am 23.10.2020.

xiv Universitätsarchivs Wroclaw (Breslau) TE 21 – AUWr, sygn. TE 21, p. 7-9

xv Wikipedia „Rosa Winkel“, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rosa_Winkel&oldid=203251225, abgerufen am 18.1.2021.

xvi Universitätsarchivs Wroclaw (Breslau) TE 21 – AUWr, sygn. TE 21, p. 30f

xvii Personalakte der Landesverwaltung für Kultus, Erziehung und Kunst in Württemberg über Heinrich Seeger, Staatsarchiv Ludwigsburg E203/1 Fasz. 3676.

xviii Personalakte Heinrich Seegers, Landeskirchliches Archiv Stuttgart A127/2135.

xix Paula Kolb (1876-1954), von 1910-1944 Leiterin des Weraheims für ledige Mütter; Theophil Wurm kannte sie von seiner Tätigkeit als Pfarrer der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart (bis 1913), vgl.Theophil Wurm, Erinnerungen aus meinem Leben, Stuttgart1953, S.52; Kittel, Andrea: Diakonie in Gemeinschaft : 150 Jahre Evangelische Diakonissenanstalt Stuttgart, Evangelische Diakonissenanstalt Stuttgart, 2004, S. 75.

xx Michael Seifert: Universität nimmt Aberkennung von Doktorgraden zwischen 1933 und 1945 zurück, https://idw-online.de/de/news72758 sowie Johannes Michael Wischnath, „Durch ehrloses Verhalten des erworbenen Doktorgrades unwürdig“, in: Attempto! Forum der Universität Tübingen, Ausgabe 16/2004 sowie Johannes Michael Wischnath: Entziehung des Doktorgrades nach Strafurteilen wegen homosexueller Handlungen, in: Urban Wiesing u.a. (Hrsg), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, S. 1026ff (=Contubernium Bd. 73) sowie Urban Wiesing, Johannes Michael Wischnath u.a.: Aberkennung von Doktortiteln an der Universität Tübingen… (Berichte des Arbeitskreises Universität Tübingen im Nationalsozialismus) 2011, Stadtarchiv Tübingen Bika N86/01 (11ff).

xxi Die Evangelische Kirche rehabilitiert erstmals einen Pfarrer, der von der NS-Justiz aufgrund des sogenannten Homosexuellen-Paragraphen 175 verurteilt und anschließend aus dem Kirchendienst entfernt wurde, https://www.berliner-woche.de/prenzlauer-berg/c-kultur/evangelische-kirche-rehabilitert-nach-homosexuellen-paragrafen-verurteilten-pfarrer_a284260 , abgerufen am 18.1.2021. Sowie Bischof Dr. Christian Stäblein, Predigt vom 1.9.2020 zur Rehabilitierung von Pfarrer Friedrich Klein, Immanuelkirche Prenzlauer Berg, https://www.ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/ekbo.de/1._WIR/06._Bischof/Predigten_St%C3%A4blein/200901_Pfarrer_Klein.pdf abgerufen am 18.1.2021.

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