Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Dr. Irmgard Ehlers, von 1986 bis 2018 Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll im Arbeitsbereich „Kommunalpolitik, öffentliche Verwaltung, Zivilgesellschaft“, zum 26. April 2021, dem Internationalen Tag der lesbischen Sichtbarkeit

Die Evangelische Akademie Bad Boll wurde im Herbst 1945 von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gegründet und ist bis heute die älteste und größte Evangelische Akademie in Deutschland und weltweit. Sie ist eine unselbstständige Bildungseinrichtung. Die Direktion wird vom Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart berufen. Trotz der finanziellen und arbeitsrechtlichen Abhängigkeit verstehen sich Evangelische Akademien als Orte des Dialogs und der konstruktiven Streitkultur und beanspruchen gedanklichen und politischen Freiraum.

In dieser Tradition stehen bisher alle Direktionen der Evangelischen Akademie Bad Boll unterstützend und verteidigend hinter den „Tagungen für lesbische Frauen im Umfeld Kirche“. Ende der 1970er Jahre gab es die erste Akademie-Tagung zu Feministischer Theologie, im politischen Kontext von Frauenbewegung und Befreiungsbewegung.

Evangelische Akademie Bad Boll, Fotografie 2017. Quelle: Dr. Irmgard Ehlers

Die Geschichte der „Tagungen für lesbische Frauen im Umfeld Kirche“ in Bad Boll begann Mitte der 1980er Jahre über den Umweg der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau mit Ute Wild vom katholischen „Komitee Christenrechte in der Kirche“. Ute Wild nahm damals Kontakt auf mit Dr. Herta Leistner, Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Beide Frauen organisierten zusammen mit Dr. Leonore Siegele-Wenschkewitz, Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Arnoldshain, die erste Tagung zum Thema Lesbische Frauen in der Kirche. Referentin war Dr. Bernadette Brooten, US-Amerikanerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Frau und Christentum“ des damaligen katholischen „Küng-Instituts“ in Tübingen. Die Einladungen wurden unter der Hand in feministisch-theologischen und weiteren progressiven Netzwerken verteilt.

Vom 11. bis 14. April 1985 wurde die Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll wiederholt. Sie markierte den Start in Bad Boll mit bisher mindestens einer Tagung jährlich. Bald begannen auch die ersten Segnungen von lesbischen Paaren im geschützten Freiraum der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Prof. Dr. Monika Berz, Dr. Herta Leistner, Ute Wild, Sabine Löffler, Kristin Gunleiksrud Raaum auf der Lesbentagung Bad Boll, Dezember 2015. Quelle: Dr. Irmgard Ehlers

In den 1980er Jahren war lesbische Lebensform in den christlichen Kirchen allgemein und auch in den Evangelischen Akademien ein Tabu und ein möglicher Kündigungsgrund. Die drei Frauen brachen als erste kirchliche Mitarbeiterinnen öffentlich das Schweigen um die Realität lesbischer Existenz in den Kirchen. Ihr Mut hat tausenden von Frauen geholfen, ihr Doppelleben in der Kirche zu überdenken und zu verändern. Sie hat außerdem vielen kirchenfernen lesbischen Frauen Möglichkeiten für neue positive Erfahrungen mit Spiritualität und Kirche eröffnet.

1987 veröffentlichten Herta Leistner, Monika Barz und Ute Wild die erste Untersuchung für lesbische Frauen in der Kirche. Ihr Buch Hättest du gedacht, daß wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche gilt lesbischen Frauen bis heute als Stütze für ihre eigenen emanzipatorischen Schritte. Den vielen bis dahin versteckt lebenden lesbischen Frauen gab die Veröffentlichung erstmalig die Möglichkeit sich zu informieren und zu erfahren, dass es andere Frauen in ähnlicher Situation gibt. Es eröffnete darüber hinaus innerhalb kirchlicher Frauenverbände ein intensives Gespräch über die Vielfalt von Lebensformen und verbreiterte das gegenseitige Verständnis.

In ihrer gemeinsamen Dissertation werteten Herta Leistner und Monika Barz die Lesbentagungen wissenschaftlich aus und stellten sie in den kirchenpolitischen Kontext: „Aus der Nichtexistenz auftauchen – der Beitrag von Tagungsarbeit zum Identitätsbildungsprozess lesbischer Frauen in der Kirche“ (Universität Hannover 1993).

Die Bücher und Tagungen in Bad Boll wirkten wie eine Initialzündung im ganzen deutschsprachigen Raum. Weitere Veröffentlichungen folgten. Die Veranstaltungen wurden zu einem geschützten Ort, an dem die Teilnehmerinnen Netzwerke und politische Formen der Solidarität entwickelten. Dort entstanden die LUK („Lesben und Kirche„), LIK („Lesben in der Kirche„), MuM („Maria- und Martha-Netzwerk„),“Labrystheia“, und NKL („Netzwerk katholischer Lesben„) sowie die „Wirtschaftsweiber“, das Netzwerk lesbischer Wirtschaftsfrauen. Auf den zweijährig stattfindenden Evangelischen Kirchentagen gibt es seitdem das „Regenbogenforum“ mit den verschiedensten LSBTTIQ*-Veranstaltungen. Inzwischen sind LSVD-Baden-Württemberg und Sozial- und Integrationsministerium Baden-Württemberg Mitveranstaltende der Bad Boller Lesbentagung.

Zur Unterstützung der Tagungsteilnahme für Lesben mit wenig Geld und zur Unterstützung von nationalen und internationalen Lesbenprojekten gibt es seit 2010 den Herta-Leistner-Lesben-Fonds (HLLF). Dahinter steht der Gedanke des „Sozialkapitals“: Wir alle sind ausgestattet mit unterschiedlichen Ressourcen. Durch Teilen der verschiedenen Ressourcen entsteht Gemeinschaft und Empowerment, d.h. Sozialkapital.

Auch internationales Vernetzen war von Anfang an zentral. Zwei Schweizerinnen fungierten 1985 als Geburtshelferinnen: Dr. Marga Bührig und Dr. Else Kähler. Bereits 1987 gab es in Den Alerdinck/Niederlande die erste binationale Lesbentagung „Auf der Grenze leben“. Bei den Tagungen in Bad Boll waren fast immer internationale Referentinnen und Teilnehmerinnen dabei, als allererstes aus den USA und der DDR.

Ein für die Community sehr bewegender und für die damals evangelikal dominierte Synode der Evangelischen Kirche in Württemberg äußerst anstößiger Höhepunkt war 1994 die erste internationale Tagung für lesbische Frauen im Umfeld Kirche „Lesbian Politics – Just a Lifestyle? An International Exchange of Experiences for Lesbian Women“, mit 350 Anmeldungen und aus Platzgründen dann mit 250 Teilnehmerinnen und Referentinnen. Sie kamen – neben Europa – aus den Philippinen, Indien, Jamaika, Hongkong, USA, Tunesien und Südafrika. Südafrika war mit sechs Vertreterinnen präsent, denn im März 1994 hatten dort die ersten demokratischen Wahlen des Landes stattgefunden. In Bezug auf Homosexualität war Südafrika 1994 das einzige Land weltweit, das gleiche Rechte in seiner neuen Verfassung verankert hatte.

Bei der Ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ 1988 bis 1998 erweiterten die Bad Boller Lesben die allgemein auf Frauen ausgerichteten Dekadeziele um lesbische Frauen. Sie beteiligten sich 1998 als lesbenpolitische Aktivistinnen an der Weltkirchenkonferenz des Ökumenischen Rats der Kirchen in Harare, genauso wie zuvor 1995 an der UN-Weltfrauenkonferenz in Peking. Über die Bad Boller Feministischen Theologiewerkstätten gab es gute Beziehungen zu IGOROTA, einer philippinischen Partnerinorganisation. 1991 entstand auf einer Besuchsreise der Kontakt zu einer dortigen lesbischen Mitarbeiterin und in den Folgejahren entwickelte sich das philippinische Netzwerk „Lesbian Circle“.

Als zwei lesbischen Frauen aus der Lesbentagungs-Community 1997/98 in Fiji wegen ihrer lesbischen Partnerschaft gekündigt bzw. der Arbeitsaufenthaltstitel verweigert werden sollte, eröffnete die Direktion der Evangelischen Akademie Bad Boll, Pfarrer Jo Krummacher, für die Community ein Unterstützungs-Spendenkonto. Dies ermöglichte dem Lesbenpaar juristische und politische Hilfe in Fiji selbst und die Kommunikation mit dem weltweiten Unterstützungsnetzwerk, damals noch per Telefon, Fax und Brief. Die internationale Lesbentagung im Dezember 1994 war dafür eine ressourcenreiche Basis.

Im Auftrag des Fiji Women‘s Crisis Centre (FWCC) erarbeitete das Paar ein 174-seitiges englischsprachiges Handbuch für Lesben mit speziellem Fokus auf die politische Situation von Lesben und Schwulen im Südpazifik Women with Women. A Ressource Book on Lesbian Issues and Lesbian Counseling. Dank der finanziellen Unterstützung durch den Hilfsfonds der Evangelischen Akademie Bad Boll wurde das Handbuch kostenfrei, doch gegen Empfangsquittierung auch an öffentliche Institutionen übergeben, z.B. an die University of the South Pacific in Suva. Die restlichen 18.000 DM des Hilfsfonds gingen 2001 an „filia.die frauenstiftung“ als Beitrag zum Gründungskapital. Die Stiftung gründete sich 2001 bei ihrer Tagung in Bad Boll.

Als Herta Leistner 1993 die Leitung des neu gegründete Frauenstudien- und Bildungszentrums in Gelnhausen übernahm, übertraf sich ideaSpektrum, eine in der württembergischen Landeskirche häufig gelesene evangelikale Wochenzeitung, in diskriminierenden Angriffen und Verleumdungen. ideaSpektrum wurde deswegen vom Deutschen Presserat offiziell gerügt.

Um Herta Leistner und Monika Barz für ihre jahrzehntelange Pionierarbeit für die Würde und Rechte von lesbischen Frauen in der Kirche und im Umfeld Kirche zu ehren, schlug die Evangelische Akademie Bad Boll 1995 beide Frauen beim damaligen Bundespräsidenten für das Bundesverdienstkreuz vor. Die Hessische Staatskanzlei zeichnete Herta Leistner 1996 in Gelnhausen aus. Monika Barz musste bis 2018 auf die Ehrung durch die mittlerweile grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg warten.

Bei der Lesbentagung 2018 bat Prälatin Gabriele Arnold um Vergebung für das jahrhundertelange Unrecht und Leid, das LSBTTIQ*-Menschen durch die Kirche zugefügt wurde. Es war die erste offizielle Entschuldigung der Evangelischen Kirche in Württemberg bei der LSBTTIQ*-Community. Im Dezember 2020 feierte die Lesbentagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll ihr 35-jähriges Bestehen, coronabedingt leider nur online.

Mehr zu Herta Leistner und Monika Barz im Originalton finden Sie hier:

https://www.lsbttiq-bw.de/zeitzeuginnen-interviews/interview-mit-herta-leistner/

https://www.lsbttiq-bw.de/zeitzeuginnen-interviews/interview-mit-monika-barz/

Hier eine Zusammenfassung der Geschichte der Lesbentagung in Bad Boll:

https://www.youtube.com/watch?v=lu_UczdSx_Y&feature=youtu.be

Zur Autorin: Dr. Irmgard Ehlers war von 1986 bis 2018 Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll im Arbeitsbereich „Kommunalpolitik, öffentliche Verwaltung, Zivilgesellschaft“. Sie begleitete fast alle Lesbentagungen und leitete sieben Tagungen federführend, darunter die 1. internationale Tagung für lesbische Frauen im Umfeld Kirche 1994. Sie beantragte die Rüge von ideaSpektrum durch den Deutschen Presserat und erarbeitete die Anträge für das Bundesverdienstkreuz für Herta Leistner und Monika Barz. Sie und Prof. Dr. Melinda Madew koordinierten die Unterstützung für den „Lesbian Circle“ in den Philippinen ab 1994, den arbeitsrechtlichen Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung in Fiji 1997/98 und von 2010 bis 2019 den Herta-Leistner-Lesben-Fonds (HLLF) in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Den Text hat sie im Januar 2021 verfasst.

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