Grußwort der Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Theresia Bauer (von 2011 bis 2022 Ministerin)

Liebe Leser_innen,

das Forschungsvorhaben zur Geschichte von LSBTTIQ im südwestdeutschen Raum  während des Nationalsozialismus und der frühen Jahre der Bundesrepublik liegt mir sehr am Herzen. Meine Hoffnung ist, dass wir mit diesem Projekt Licht in ein dunkles Kapitel der Vergangenheit bringen. Dies ist eine Verantwortung, die wir nicht nur gegenüber den Betroffenen selbst haben, sondern auch gegenüber deren Angehörigen und Nachkommen sowie uns als Gesellschaft. Read More

Studie zum Forschungsmodul II „Staatliche Repression nach § 175 StGB“ bei Herder erschienen

Studie zum Forschungsmodul II „Staatliche Repression nach § 175 StGB“ bei Herder erschienen

Innerhalb des Forschungsprojekts „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“ ist zum Abschluss des Moduls II zur staatlichen Verfolgung und Repression nach § 175 StGB im Herder Verlag die Studie von J. Noah Munier erschienen. Das Buch trägt den Titel: Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression: Baden-Württemberg im Fokus eines sich wandelnden Sexualitätsdiskurses 1945–1969.

Die staatliche Repression und Verfolgung homo- und bisexueller Männer in der jungen Bundesrepublik wurden bisher wissenschaftlich kaum untersucht. Dabei war die Homosexuellenverfolgung in Westdeutschland bis 1969 erheblich: Gegen mehr als 100.000 Männer wurde ein Ermittlungsverfahren angestrengt und mehr als 50.000 wurden strafrechtlich verurteilt. Das NS-Sonderstrafrecht für Homosexuelle wurde nach 1945 nicht abgeschafft, sondern bestand bis zur Strafrechtsreform 1969 in der Bundesrepublik unverändert fort.

Die Bezeichnung „175er“ leitete sich in weiten Teilen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft aus dem Strafrechtsparagrafen 175 selbst ab. Allgemein bekannt war die Umschreibung „175er“ für schwule Männer, die noch in den 1960er Jahren hinter vorgehaltener Hand Bekannte und Nachbarn stigmatisierte. Die Betroffenen sind heute oft hochbetagt.

Speziell im deutschen Südwesten war die staatliche Verfolgung überproportional. Die Studie setzt hier an und untersucht unter Bezugnahme auf Dokumente vornehmlich aus den Staats- und Landesarchiven Baden-Württembergs, aber auch aus Stadt- und Bundesarchiven die staatliche Verfolgung und Repression in den Jahren 1945 bis 1969.

Dabei rücken maßgebliche verfolgungsspezifische Felder in den Blick: Wird zunächst die politische und rechtshistorische Entwicklungsdimension im Umgang mit homo- und bisexuellen Männern entfaltet, richtet sich der Blick anschließend auf polizeiliche Verfolgungspraxis, Justiz, sowie auf Medizin und Psychiatrie.

Völlig neu hierbei ist die umfangreiche semantische Analyse von Strafprozessakten und der damit verbundenen Sprache, speziell der Richter, über homosexuelle Männer und zum § 175 StGB. Die Studie gewährt ferner Einblicke in unterschiedliche polizeiliche Verfolgungspraktiken. So wird beispielsweise das sittenpolizeiliche Vorgehen gegen Treffpunkte, damals noch nicht so genannte Cruising Spots aber auch Lokalitäten homo- und bisexueller Männer dokumentiert.

Entgegen einer Entwicklungslinie hin zu einer sukzessiv liberaleren und verfolgungsärmeren Gesellschaft, zeigt die Studie die staatliche Zerstörung von queeren Lebenswelten am Vorabend der maßgeblichen Liberalisierung im Jahr 1969 und das diesbezügliche nachdrückliche Zusammenwirken unterschiedlicher staatlicher Akteure und Institutionen.

Die Studie befasst sich ferner z.B. im medizinisch-psychiatrischen Feld mit Zwangspsychiatrisierungen und sogenannten Konversionstherapien. Dabei zeigt sich die heteronormative Gewalt in eindrücklichen biografischen Fragmenten.

Die Verfolgungssituation in Baden-Württemberg hatte einen beachtlichen Einfluss auf die Bundesentwicklung, woraus sich der Fokus der Studie auf die Region des heutigen Baden-Württembergs begründet, ohne jedoch darin aufzugehen. Wie in einem Brennglas zeigt sich hier die Verfolgungsgeschichte homo- und bisexueller Männer in der jungen Bundesrepublik.

Mit der Untersuchung ihrer Verfolgungsgeschichte gilt es ein neues Schlaglicht auf die Geschichte der jungen Bundesrepublik zu werfen. Dabei werden Kontinuitäten ebenso beleuchtet wie das spezifisch Neue der staatlichen Verfolgung und Repression unter demokratischem Vorzeichen.

In den 1960er Jahren erfolgte schließlich ein gesellschaftlicher Normwandel, ohne die öffentliche Debatte zu beenden. Die Monografie zeigt, dass auch demokratische Staaten vor der Verfolgung sexueller Minderheiten nicht gefeit sind; und sie ist ein Weckruf für eine wehrhafte Demokratie.

Das Buch umfasst ca. 550 Seiten und enthält 37 Grafiken und Abbildungen und ist im Buchhandel oder über die Webseite des Herder-Verlags www.herder.de zu beziehen.

Leseprobe aus J. Noah Munier: Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression. Freiburg/Basel/Wien: Herder 2026

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Film: DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU

DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU – Ein Dokumentarfilm über gechlechterdiverse Lebensrealitäten in ländlichen Regionen von Baden-Württemberg

Melina. Filmstill aus Denn dieses Leben lebst nur Du (2025)

An einem Punkt ihres Lebens wussten sie mit jeder Faser ihres Körpers, dass es so nicht weitergehen konnte und eine große Veränderung in ihrem Leben nötig war. Sonst gäbe es für sie keinen Ausweg aus dem Chaos ihrer Gefühle und keine Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft. Sie heißen Gabriel, Elisabeth, Melina, Dunja und leben im Süden Deutschlands. Vorher hatten sie einen anderen Namen, ein anderes Leben und ein anderes Geschlecht. Sie haben vergeblich versucht, eine konventionelle Ehe zu führen oder davon geträumt, Diakon in der Kirche zu werden. Auf ihrem Weg zum neuen Ich finden sie schließlich, worauf sie gehofft, wofür sie gekämpft und wofür sie gelitten haben: Augenblicke des Glücks, der Liebe und des Einklangs mit sich selbst.

Gabriel. Filmstill aus Denn dieses Leben lebst nur Du (2025)

Mit feinem Humor, atmosphärischen Bildern und großer Empathie porträtiert Regisseur Douglas Wolfsperger („Bellaria“, „Die Blutritter“, „Wiedersehen mit Brundibar“ u.a.) in DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU vier Menschen, die ihr Geschlecht und ihren Namen, vor allem aber ihr Leben gegen alle Widerstände neu definieren.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Film und seinen Screenings.

Unverzichtbare Vielfalt – gestern, heute, morgen. Queere (Kirchen-)Geschichte sichtbar machen

Unverzichtbare Vielfalt – gestern, heute morgen.

Queere (Kirchen-)Geschichte sichtbar machen

Präsenzveranstaltung in der Evangelischen Tagungsstätte Bad Boll 22./23. April 2026

Hinweise zum Programm, den Workshops und Referierenden sowie zu den Teilnahmegebühren: https://www.ev-akademie-boll.de/tagung/400626.html

Queeres Leben ist ein fester Bestandteil unserer sozialen, spirituellen und kirchlichen Räume – und zwar viel stärker, als bisherige Narrative erzählen. Die Tagung lädt dazu ein, diese Geschichten ans Licht zu holen: lebendig, vielfältig und nahbar.

Postkarte „Unverzichtbare Vielfalt“, Zeichnung: Thomas Haas, 2026

Mithilfe historischer Spurensuche, persönlicher Berichte, Interviews und dialogischer Methoden werden neue Zugänge zu queerer Erinnerung und gemeinsamer Lernkultur eröffnet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Räume entstehen, in denen Menschen mutig erzählen, aufmerksam zuhören und echte Sprachfähigkeit entwickeln können. Gezeigt werden soll, wie solche Begegnungen Empowerment ermöglichen und wie Gemeinden, Einrichtungen und Organisationen Schritt für Schritt queersensibler werden können.

Tag 1 führt in Methoden ein, die queeres Leben sichtbar machen: Erfahrungsberichte, intergenerationelle Gespräche, Interviews mit dem Blick „zwischen die Zeilen“, Impulse aus Seelsorge und Beratung sowie Recherchen in historischen, theologischen oder literarischen Quellen.

Tag 2 richtet den Blick nach vorne: Wie kann Queersensibilität im Alltag von Kirche, Bildung, Medien oder sozialen Einrichtungen gelingen? Welche Ansätze bewähren sich bereits? Impulse und Spotlight-Workshops stellen konkrete Werkzeuge vor – von Regenbogenkompetenz bis zu organisationalem Lernen.

Karl-Heinz Steinle vom Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik“ und Dr. Bertram Fink vom Evangelischen Archiv Baden und Württemberg, Stuttgart stellen am ersten Tag der Veranstaltung die Projektidee „Sammlung Queer und Kirche“ des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg vor und bearbeiten am Nachmittag in einem Workshop anhand eines Fallbeispiels einen Quellenkorpus aus den Archivbeständen.

 

„Einblicke in das Forschungsmodul ‚100 Jahre geschlechterdivers in Baden-Württemberg?! Lebenswelten und Verfolgungsschicksale von transgender, trans- und intersexuellen Menschen im deutschen Südwesten‘: Quellenlage und Quellenmaterialien“

„Einblicke in das Forschungsmodul III ‚100 Jahre geschlechterdivers in Baden-Württemberg?! Lebenswelten und Verfolgungsschicksale von transgender, trans- und intersexuellen Menschen im deutschen Südwesten‘: Quellenlage und Quellenmaterialien“

Öffentlicher Online-Vortrag von Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle

Universität Stuttgart, Dienstag, 20. Januar 2026, 15:45-17.15 h (90 Minuten) per Webex

Organisiert von uniqUS – Stabsstelle für Inklusive Universitätskultur der Universität Stuttgart im Rahmen der Ringveranstaltung „Gender und Diversity in Sprache, Gesellschaft, Forschung und Praxis“.

Ansprechperson: Birke Bödecker, Koordinatorin Zertifikat „Gender und Diversity: Vielfalt in Sprache, Gesellschaft, Forschung und Praxis“, diversity-zertifikat@uni-stuttgart.de

Die Veranstaltung steht allen Interessierten offen. Sie findet per Webex statt. Bitte melden Sie sich per E-Mail (diversity-zertifikat@uni-stuttgart.de) zum Online-Vortrag an. Sie erhalten anschließend den Link zur Veranstaltung. Vielen Dank!

Die Ringveranstaltung „Gender und Diversity in Sprache, Gesellschaft, Forschung und Praxis“ wird als Teil des Zertifikats „Gender und Diversity: Vielfalt in Sprache, Gesellschaft, Forschung und Praxis“ von uniqUS – der Stabsstelle für Inklusive Universitätskultur der Universität Stuttgart angeboten. Im Rahmen der Veranstaltung werden Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Forschungsdisziplinen eingeladen, um ihre Forschung in Bezug auf Gender und Diversity (oder Teilaspekte hiervon) vorzustellen und zu diskutieren. Dadurch soll ein Einblick in verschiedene Perspektiven, Herangehensweisen, Fragestellungen, etc. ermöglicht und der Diskurs zu Gender und Diversity bereichert werden.

 

Orél, Fotografie 1950er Jahre aus der Sammlung „Travestie Erinnerungen“

Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle arbeiten im Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik“. Angesiedelt ist es am Historischen Institut, Abt. Neuere Geschichte der Universität Stuttgart (Projektleitung: Prof. Dr. Wolfram Pyta).

Der lange Titel des Forschungsvorhabens soll signalisieren, dass alle sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten interessieren – also alle nicht-heteronormativen Lebensentwürfe und Lebenswelten. Und das auf Landesebene, auch jenseits der großen Städte Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe oder Freiburg. Auf der Projekt-Webseite sind dazu Interviews zu finden, Blog-Beiträge und aktuelle Hinweise.

Das seit 2016 laufende Forschungsprojekt hat verschiedene Module. In den letzten Jahren standen Lebenswelten von schwulen und bisexuellen Männern, die Wirkungsgeschichte des Homosexuellenparagrafen § 175 und die trotzdem existierende Ausgehkultur auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs im Fokus. 2021 erschien dazu Muniers Studie „Lebenswelten und Verfolgungsschicksale homosexueller Männer in Baden und Württemberg“.

Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ im Staatsarchiv Ludwigsburg

Das Staatsarchiv Ludwigsburg zeigt vom 6. November 2025 bis zum 16. Januar 2026 die Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“

Beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2023 im Deutschen Bundestag standen erstmals die queeren Opfer im Fokus. Die historisch-dokumentarische Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ knüpft an dieses wichtige erinnerungspolitische Signal an und macht das Thema Ausgrenzung und Verfolgung queerer Menschen in den Jahren 1933 bis 1945 und darüber hinaus einem breiten Publikum zugänglich. Read More

Fritz Bauer: Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt

Fritz Bauer: Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt

Autor*innen: Barbara Kettnaker, Historikerin, Slawistin, aufgewachsen in Stuttgart, ihr Großvater war zeitgleich mit Fritz Bauer im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, langjährige Referentin bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, aktuell freiberufliche Referentin für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin. Und: Karl-Heinz Steinle, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“ der Universität Stuttgart; arbeitet auch freiberuflich, zuletzt u.a. als Co-Kurator der Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Berlin.

Der Text geht zurück auf einen Beitrag für den Katalog „Queer durch Tübingen. Vom Leben, Lieben und Kämpfen“, der 2021 im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Tübingen erschien.1 Die beiden Autor*innen engagieren sich seit über 10 Jahren für die posthume Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Fritz Bauer und unterstützen auch aus diesem Grunde die aktuell laufende Petition vom VVN – Bund der Antifaschist:innen Baden-Württemberg und der AG queere Erinnerungskultur – „Der Liebe wegen“ der Weissenburg „Ehrenbürgerschaft der Stadt Stuttgart für Dr. Fritz Bauer“ vollumfänglich. Informationen zur Petition sind hier zu finden: https://www.openpetition.de/petition/online/ehrenbuergerschaft-fuer-fritz-bauer-auch-als-vorkaempfer-gegen-das-175-unrecht. Read More

Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945. Geschichte schreiben, übersetzen, erinnern

Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945                                              Geschichte schreiben, übersetzen, erinnern

DE (Italienische Version unten)

Am 80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa lädt das Centro Interdisciplinare di Ricerca sulle Culture di Genere (CIRCGE) der UNINT, Roma zur öffentlichen Veranstaltung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945 – Geschichte schreiben, übersetzen, erinnern„ ein. Read More

Online-Vortrag „Geschlechterdiversität in Baden-Württemberg in den letzten 100 Jahren?“

Geschlechterdiversität in Baden-Württemberg in den letzten 100 Jahren?

Öffentlicher Online-Vortrag von Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle

Universität Stuttgart, Montag, 13. Januar 2025, 14:00 h – 15:30 h

Organisiert von uniqUS – Stabstelle für Inklusive Universitätskultur der Universität Stuttgart im Rahmen der Ringveranstaltung „Gender und Diversity in Sprache, Gesellschaft, Forschung und Praxis“. Read More