Die einzelnen Begriffe hinter dem Akronym LSBTTIQ aus historischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive: L für Lesbe, Lesben, lesbisch

Die einzelnen Begriffe hinter dem Akronym LSBTTIQ aus historischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive: L für Lesbe, Lesben, lesbisch

Fabio Proia und Karl-Heinz Steinle

LSBTTIQ – Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle, Queers. Die Abkürzung soll die Vielfalt von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten deutlich machen. Die Verwendung solcher Akronyme – oft außerdem mit „*“ am Ende, um zusätzlich die Vielfalt der genannten Identitäten zu markieren – hat sich in den letzten Jahren in Deutschland eingebürgert.

Die Abbildung dieser Vielfalt in der Schriftsprache ist Bestandteil der aktuellen wissenschaftlichen Fachdiskussion und politischer Debatten. Sie wird in Deutschland sowohl geografisch, als auch politisch unterschiedlich gehandhabt und stets weiterentwickelt. So arbeitet z.B. die Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung des Berliner Senats mit der Abkürzung LSBTI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen), in Baden-Württemberg hingegen wird „LSBTTIQ“ verwendet.

Dieser Hinweis auf die Vielfalt der sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten wurde vom Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg so erstritten. Der im Oktober 2012 gegründete Zusammenschluss von lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell und queeren Gruppen, Vereinen und Initiativen möchte dadurch erreichen, dass die Landespolitik in ihren Entscheidungen das gesamte Identitäten-Spektrum ins Auge fasst. Auch das im März 2016 begonnene Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik“ der Abteilung Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Universität Stuttgart und seine im September 2016 online gegangene Webseite www.lsbttiq-bw.de führen dieses Akronym im Titel.

In den nächsten Monaten betrachten wir jeden Buchstaben des Akronyms LSBTTIQ einzeln und stellen die Begriffe, für die die Buchstaben L, S, B, T, T, I und Q stehen, jeweils unter historischem und sprachwissenschaftlichem Blickwinkel vor.

Die aus linguistischer Perspektive durchgeführte Analyse stützt sich im Wesentlichen auf Angaben aus dem DWDS-Informationssystem (www.dwds.de), einer Online-Plattform, die neben verschiedenen Wörterbüchern auch historische und gegenwartssprachliche Textkorpora zur Verfügung stellt und dadurch Auskunft über den deutschen Wortschatz in Vergangenheit und Gegenwart gibt. Zu jedem der sieben Begriffe werden zunächst Beispiele zur Begriffsentwicklung und -anwendung mit Bezug zu Baden-Württemberg geliefert. Es folgen kurze Hinweise zur Etymologie, zur ersten schriftlichen Quelle und zu ihrem Häufigkeitsgrad in der deutschen Presse im Zeitraum von 2007 bis 2021. Oben genannte Informationen stammen jeweils aus den folgenden im DWDS enthaltenen Quellen: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), Deutsches Textarchiv (DTA), ZDL-Regionalkorpus. Das Regionalkorpus umfasst Zeitungsartikel aus Lokal- und Regionalressorts deutschsprachiger Tageszeitungen und ermöglicht auf bestimmte diatopische Areale beschränkte Abfragen. Das Areal D-Südwest ist durch folgende Zeitungen abgedeckt: Badische Zeitung aus Freiburg i.Br., Reutlinger General-Anzeiger, Südkurier aus Konstanz. Zu jedem Begriff werden hieraus PPM-Werte (parts per million) aufgeführt, die die Trefferzahl des jeweiligen Begriffs pro Million Wortformen (Tokens) im besagten Areal angeben.

Der Buchstabe L für Lesbe, Lesben, lesbisch – historisch betrachtet (Steinle)

Lesbe oder „Lesbierin“ sind ursprünglich teils abfällige Fremdbezeichnungen für Frauen, die Frauen lieben und/oder begehren. Insbesondere der Begriff „Lesbierin“ findet sich noch bis Ende der 1960er Jahre häufig in (Ermittlungs-)Akten, die Vertreter*innen deutscher Behörden, beispielsweise der (Sitten-) Polizei, der Justiz oder des Jugendamtes angelegt haben. Im Zusammenhang mit einer effekthascherischen, oft zusätzlich misogynen Berichterstattung wird der Begriff vereinzelt noch heute verwendet.

Historisch weiter zurückliegende Bezeichnungen für Frauen, die Frauen lieben und/oder begehren, sind „Sapphistin“ (ein Verweis auf die griechische Dichterin Sappho, s.u.) oder „Tribadin“ (von altgriech. „tribein“ = „reiben“ abgeleitet), eine Bezeichnung der sexuellen Praxis, bei der eine Frau ihre äußeren Genitalien zum Zweck der Stimulation an ihrer/ihrem Partner*in reibt, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts gebraucht wurde.

Im Kontext der Lesbenbewegung in den 1970er Jahren wurde der Begriff Lesbe positiv gewendet und als Selbstbezeichnung gewählt. Im Zuge der Ausdifferenzierungen lesbischer Lebenswelten in den 1980ern entstanden viele neue Selbstbezeichnungen, manchmal ironisierend auch Bindestrich-Lesben genannt: zum Beispiel Bewegungs-Lesbe, Kampf-Lesbe, Krawall-Lesbe, Land-Lesbe, Proll-Lesbe, Spiri-Lesbe oder Ur-Lesbe. Der Begriff Schrank-Lesbe ist eine oft abfällige Fremdbezeichnung, manchmal auch eine Selbstbezeichnung für Personen, die gleichgeschlechtlich begehren und/oder lieben, gleichgeschlechtlichen Sex haben, es aber leugnen bzw. sich nicht eingestehen, oder sich verhalten, als sei dem nicht so. Die Bezeichnung kann auch als Vorwurf, Unterstellung oder üble Nachrede eingesetzt werden. Daneben finden sich in der Umgangssprache bis heute ausschließlich pejorativ und gezielt diffamierend eingesetzte Bezeichnungen, wie zum Beispiel „Leckschwester“.

Angestoßen durch die amerikanische Erfolgs-Serie The L World, die von 2004 bis 2009 in sechs Staffeln ausgestrahlt wurde, dient mittlerweile auch in Deutschland schon der Buchstabe „L“ selbst in seiner immer groß geschriebene Version als Synonym für Lesben, so zum Beispiel im Titel des größten deutschen Print-Monatsmagazins für Lesben L.Mag, das u.a. auch ein „L-Dating“-Portal hat.

Wie selbstbewusst, produktiv und spielerisch mit Fremd- und Selbstbezeichnungen umgegangen werden kann, zeigt die 1949 in Tübingen geborene und dort aufgewachsene Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin Maren Kroymann. Sie ist eine gewichtige Stimme in der nationalen Unterhaltungsbranche und gleichzeitig eine der bekanntesten offen lesbischen Frauen Deutschlands. Ein direktes Abbilden lesbischer Themen wird von Maren Kroymann allerdings unterlaufen. In ihrem Bühnenprogramm In my Sixties macht sie einen ins Absurde tendierenden Exkurs über ein unerwartetes Begriffspaar: Lesben und Kurzsichtigkeit. Nach der Show werden T-Shirts mit dem Schriftzug „kurzsichtig. marenkroymann.de“ zum Verkauf angeboten. So wurde „kurzsichtig“ zum Synonym für lesbisch und viele tragen dieses T-Shirt als nicht allen bekanntes Erkennungszeichen.

Wie sehr Maren Kroymann mit Zuschreibungen und Selbstbezeichnungen, aber auch mit medialen Strukturen spielt, zeigt die Folge ihrer Satire-Sendung Kroymann vom 28. Januar 2021: Rahmenhandlung ist Maren Kroymanns Gespräch mit einer Journalistin nach ihrem gerade abgeschlossenen Foto-Shooting für eine Zeitschrift wie Playboy – etwas verwirrend für die Journalistin wie auch die Zuschauer*innen, die überrascht, dass und warum eine lesbische Frau das tut. Am Ende der Sendung singt Maren Kroymann das Lied Kurzsichtig mit der Textzeile „kurzsichtig, und das ist auch gut so“ – ein Verweis auf die von ihr selbst geschaffene ironisierende Bezeichnung für lesbisch aus dem Jahr 2011 sowie auf den ikonischen Ausspruch des ehemaligen Oberbürgermeister Berlins, Klaus Wowereit „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ – die beide inzwischen in den Sprachgebrauch eingegangen sind. Diese Bedeutung von „kurzsichtig“ wird noch erweitert, indem Personen unterschiedlicher Hautfarbe und Geschlechtszuschreibung in „Kurzsichtig“-T-Shirts mit den Farben des Regenbogens Kroymanns Lied mitsingen.

Vor dem Song empört sich die Journalistin aus der Rahmengeschichte: „ … was, Du musst Dich heterosexuell inszenieren, weil Dir sonst nicht zugetraut wird, dass Du eine Heterosexuelle spielen kannst?“, womit sie einen Hinweis liefert auf eine vielbeachtete Aktion der Süddeutschen Zeitung, bei der sich am 5. Februar 2021 im SZ-Magazin unter dem Titel „Wir sind schon da“ 185 Schauspieler*innen zu dem „#actout-Manifest“ für „mehr Sichtbarkeit und Diversität im Film, Fernsehen und Theater“ bekennen.

Der Buchstabe L für Lesbe, Lesben, lesbisch – sprachwissenschaftlich betrachtet (Proia)

Der DWDS-Wörterbuchartikel zum Stichwort lesbisch listet zwei Bedeutungen auf. In seiner ersten Bedeutung ist uns dieses Adjektiv heute als Synonym von „weiblich homosexuell“ vertraut, denn es bezeichnet Frauen, die sich emotional und/oder sexuell zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen und diese Neigung u.U. selbstbewusst im Verhalten zeigen. Es wird außerdem auch in übertragener Weise verwendet, etwa um Aspekte zu beschreiben, die weibliche Homosexualität oder Homoerotik thematisieren („lesbischer Sportverein“) oder entsprechend gekennzeichnet werden („lesbische Liebe“). In seiner zweiten Bedeutung, die allerdings veraltet bzw. nur in der Bildungssprache geläufig ist, bezeichnet das Wort lesbisch ursprünglich Menschen, die aus der griechischen Insel Lesbos (Λέσβος) im Ägäischen Meer stammen oder ihr zugehörig sind („Fragmente des lesbischen Dichters Alkaios“).

Diese Information stellt eine direkte Verbindung zur Herkunftsbeschreibung des Wortes her, wie im entsprechenden Eintrag des Etymologischen Wörterbuchs des Deutschen zu lesen ist. In Mytilene, dem Hauptort besagter Insel, lebte die griechische Dichterin Sappho (um 600 v. Chr.). Dort versammelte sie einen Kreis junger Frauen aus Lesbos und aus der ganzen Region um sich, die sie in Poesie, Tanz und Musik unterrichtete. Da Sappho in ihren Liedern Gefühle der Liebe für diese Frauen ausdrückt und ihre Schönheit leidenschaftlich beschreibt, liegt die Vermutung ihrer homosexuellen Neigung nahe. Tatsache ist, dass bereits in der Antike der Begriff „Frauen aus Lesbos“ verwendet wurde, um homosexuelle Frauen zu bezeichnen. Erwähnenswert ist auch das Adjektiv sapphisch, das in der deutschen Bildungssprache, wenn auch selten, als Synonym für lesbisch verwendet wird („sapphische Liebe“).

Wann tritt das Adjektiv lesbisch in der ersten der o.g. Lesarten in der deutschen Schriftsprache erstmals auf? Eine Suche in den Korpora des Deutschen Textarchivs (DTA) ergibt, dass die erste Verwendung des Begriffs in einem Text des deutschen Philosophen Karl Rosenkranz (1805-1879) enthalten und pejorativ konnotiert ist. Auf Seite 244 seines 1853 veröffentlichten Werks Ästhetik des Häßlichen findet sich folgender Satz:

„Unter dem ästhetischen Gesichtspunct aber ist diese Schilderung durchaus verwerflich, denn eine dicke, wollüstige Aebtessin (sic!), die ihre Nonnen zu Lesbischen Sünden zwingt, ist ein unpoetisches Scheusal.“

Während alle Korpustreffer des Adjektivs aus früheren Quellen eindeutig auf die geografische Herkunft hinweisen, wird hier das Adjektiv unzweifelhaft zur Beschreibung der homosexuellen Natur der begangenen „Sünden“ verwendet, die als unmoralische und verwerfliche Taten dargestellt werden.

Karte für die Verteilung über Zeitungen von „lesbisch“ im „ZDL-Regionalkorpus“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/d/korpora/regional>, abgerufen am 26.01.2023.

Ab Mitte der 1960er Jahre wird der Begriff lesbisch allmählich gebräuchlicher. Als Synonym für „frauenliebend“ bzw. „weiblich homosexuell“ taucht er häufiger auch in der deutschen Presse auf, wie eine Recherche im DWDS-Zeitungskorpus nachweist. Über einen Zeitraum von 15 Jahren (2007-2021) etwa ist der Frequenzwert – mit Ausnahme des Jahres 2017 – stetig angestiegen, wie sich der entsprechenden Wortverlaufskurve entnehmen lässt. Da diese Abbildung auf den Treffern aus den überregional verbreiteten Tages- und Wochenzeitungen basiert, die im DWDS-Korpus enthalten sind, visualisiert sie die Gebrauchshäufigkeit des Adjektivs lesbisch in der ganzen Bundesrepublik.

Karte für die Verteilung über Areale von „lesbisch“ im „ZDL-Regionalkorpus“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/d/korpora/regional>, abgerufen am 26.01.2023.

Die Ergebnisse aus dem ZDL-Regionalkorpus zeigen deutlich, dass das Areal D-Südwest im bundesweiten Vergleich den zweitniedrigsten Frequenzwert (PPM: 0,52) hat. Entsprechend gering ist die Häufigkeit, mit der das Wort lesbisch in den drei erfassten Zeitungen auftritt, was man als ein verhältnismäßig geringeres Interesse an Themen mit lesbischem Bezug deuten kann. Es ist jedoch hervorzuheben, dass die Häufigkeit des Wortes in jedem der drei Fünfjahreszeiträume, in die sich der von dieser Analyse erfasste Zeitraum unterteilen lässt, zuzunehmen scheint, wie die folgenden PPM-Werte jeweils zeigen: 0,25 (2007-2011), 0,34 (2012-2016), 0,52 (2017-2021), was als langsames Heraustreten aus der Unsichtbarkeit gedeutet werden kann.

Fabio Proia ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Deutsche Sprache und Übersetzung an der Università degli Studi Internazionali di Roma (UNINT). Die Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit liegen in den folgenden Bereichen: Rechtslinguistik und -übersetzung; sprachliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Identität bzw. Orientierung; zweisprachige Lexikographie und Terminographie für das Sprachenpaar Deutsch-Italienisch.

Karl-Heinz Steinle ist Historiker und Slawist. Er arbeitet u.a. als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Public History im Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik“ der Abteilung Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Universität Stuttgart.

Redaktion: Dr. Renate Blankenhorn, Berlin


 

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