Studie zum Forschungsmodul II „Staatliche Repression nach § 175 StGB“ bei Herder erschienen

Studie zum Forschungsmodul II „Staatliche Repression nach § 175 StGB“ bei Herder erschienen

Innerhalb des Forschungsprojekts „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“ ist zum Abschluss des Moduls II zur staatlichen Verfolgung und Repression nach § 175 StGB im Herder Verlag die Studie von J. Noah Munier erschienen. Das Buch trägt den Titel: Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression: Baden-Württemberg im Fokus eines sich wandelnden Sexualitätsdiskurses 1945–1969.

Die staatliche Repression und Verfolgung homo- und bisexueller Männer in der jungen Bundesrepublik wurden bisher wissenschaftlich kaum untersucht. Dabei war die Homosexuellenverfolgung in Westdeutschland bis 1969 erheblich: Gegen mehr als 100.000 Männer wurde ein Ermittlungsverfahren angestrengt und mehr als 50.000 wurden strafrechtlich verurteilt. Das NS-Sonderstrafrecht für Homosexuelle wurde nach 1945 nicht abgeschafft, sondern bestand bis zur Strafrechtsreform 1969 in der Bundesrepublik unverändert fort.

Die Bezeichnung „175er“ leitete sich in weiten Teilen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft aus dem Strafrechtsparagrafen 175 selbst ab. Allgemein bekannt war die Umschreibung „175er“ für schwule Männer, die noch in den 1960er Jahren hinter vorgehaltener Hand Bekannte und Nachbarn stigmatisierte. Die Betroffenen sind heute oft hochbetagt.

Speziell im deutschen Südwesten war die staatliche Verfolgung überproportional. Die Studie setzt hier an und untersucht unter Bezugnahme auf Dokumente vornehmlich aus den Staats- und Landesarchiven Baden-Württembergs, aber auch aus Stadt- und Bundesarchiven die staatliche Verfolgung und Repression in den Jahren 1945 bis 1969.

Dabei rücken maßgebliche verfolgungsspezifische Felder in den Blick: Wird zunächst die politische und rechtshistorische Entwicklungsdimension im Umgang mit homo- und bisexuellen Männern entfaltet, richtet sich der Blick anschließend auf polizeiliche Verfolgungspraxis, Justiz, sowie auf Medizin und Psychiatrie.

Völlig neu hierbei ist die umfangreiche semantische Analyse von Strafprozessakten und der damit verbundenen Sprache, speziell der Richter, über homosexuelle Männer und zum § 175 StGB. Die Studie gewährt ferner Einblicke in unterschiedliche polizeiliche Verfolgungspraktiken. So wird beispielsweise das sittenpolizeiliche Vorgehen gegen Treffpunkte, damals noch nicht so genannte Cruising Spots aber auch Lokalitäten homo- und bisexueller Männer dokumentiert.

Entgegen einer Entwicklungslinie hin zu einer sukzessiv liberaleren und verfolgungsärmeren Gesellschaft, zeigt die Studie die staatliche Zerstörung von queeren Lebenswelten am Vorabend der maßgeblichen Liberalisierung im Jahr 1969 und das diesbezügliche nachdrückliche Zusammenwirken unterschiedlicher staatlicher Akteure und Institutionen.

Die Studie befasst sich ferner z.B. im medizinisch-psychiatrischen Feld mit Zwangspsychiatrisierungen und sogenannten Konversionstherapien. Dabei zeigt sich die heteronormative Gewalt in eindrücklichen biografischen Fragmenten.

Die Verfolgungssituation in Baden-Württemberg hatte einen beachtlichen Einfluss auf die Bundesentwicklung, woraus sich der Fokus der Studie auf die Region des heutigen Baden-Württembergs begründet, ohne jedoch darin aufzugehen. Wie in einem Brennglas zeigt sich hier die Verfolgungsgeschichte homo- und bisexueller Männer in der jungen Bundesrepublik.

Mit der Untersuchung ihrer Verfolgungsgeschichte gilt es ein neues Schlaglicht auf die Geschichte der jungen Bundesrepublik zu werfen. Dabei werden Kontinuitäten ebenso beleuchtet wie das spezifisch Neue der staatlichen Verfolgung und Repression unter demokratischem Vorzeichen.

In den 1960er Jahren erfolgte schließlich ein gesellschaftlicher Normwandel, ohne die öffentliche Debatte zu beenden. Die Monografie zeigt, dass auch demokratische Staaten vor der Verfolgung sexueller Minderheiten nicht gefeit sind; und sie ist ein Weckruf für eine wehrhafte Demokratie.

Das Buch umfasst ca. 550 Seiten und enthält 37 Grafiken und Abbildungen und ist im Buchhandel oder über die Webseite des Herder-Verlags www.herder.de zu beziehen.

Leseprobe aus J. Noah Munier: Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression. Freiburg/Basel/Wien: Herder 2026

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Film: DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU

DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU – Ein Dokumentarfilm über gechlechterdiverse Lebensrealitäten in ländlichen Regionen von Baden-Württemberg

Melina. Filmstill aus Denn dieses Leben lebst nur Du (2025)

An einem Punkt ihres Lebens wussten sie mit jeder Faser ihres Körpers, dass es so nicht weitergehen konnte und eine große Veränderung in ihrem Leben nötig war. Sonst gäbe es für sie keinen Ausweg aus dem Chaos ihrer Gefühle und keine Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft. Sie heißen Gabriel, Elisabeth, Melina, Dunja und leben im Süden Deutschlands. Vorher hatten sie einen anderen Namen, ein anderes Leben und ein anderes Geschlecht. Sie haben vergeblich versucht, eine konventionelle Ehe zu führen oder davon geträumt, Diakon in der Kirche zu werden. Auf ihrem Weg zum neuen Ich finden sie schließlich, worauf sie gehofft, wofür sie gekämpft und wofür sie gelitten haben: Augenblicke des Glücks, der Liebe und des Einklangs mit sich selbst.

Gabriel. Filmstill aus Denn dieses Leben lebst nur Du (2025)

Mit feinem Humor, atmosphärischen Bildern und großer Empathie porträtiert Regisseur Douglas Wolfsperger („Bellaria“, „Die Blutritter“, „Wiedersehen mit Brundibar“ u.a.) in DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU vier Menschen, die ihr Geschlecht und ihren Namen, vor allem aber ihr Leben gegen alle Widerstände neu definieren.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Film und seinen Screenings.

Fritz Bauer: Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt

Fritz Bauer: Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt

Autor*innen: Barbara Kettnaker, Historikerin, Slawistin, aufgewachsen in Stuttgart, ihr Großvater war zeitgleich mit Fritz Bauer im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, langjährige Referentin bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, aktuell freiberufliche Referentin für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin. Und: Karl-Heinz Steinle, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“ der Universität Stuttgart; arbeitet auch freiberuflich, zuletzt u.a. als Co-Kurator der Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Berlin.

Der Text geht zurück auf einen Beitrag für den Katalog „Queer durch Tübingen. Vom Leben, Lieben und Kämpfen“, der 2021 im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Tübingen erschien.1 Die beiden Autor*innen engagieren sich seit über 10 Jahren für die posthume Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Fritz Bauer und unterstützen auch aus diesem Grunde die aktuell laufende Petition vom VVN – Bund der Antifaschist:innen Baden-Württemberg und der AG queere Erinnerungskultur – „Der Liebe wegen“ der Weissenburg „Ehrenbürgerschaft der Stadt Stuttgart für Dr. Fritz Bauer“ vollumfänglich. Informationen zur Petition sind hier zu finden: https://www.openpetition.de/petition/online/ehrenbuergerschaft-fuer-fritz-bauer-auch-als-vorkaempfer-gegen-das-175-unrecht. Read More

Marianne und ihr Kampf um juristische Anerkennung ihrer Personenstandsänderung

Marianne und ihr Kampf um juristische Anerkennung ihrer Personenstandsänderung

Von Karl-Heinz Steinle, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsmodul „100 Jahre geschlechterdivers in Baden-Württemberg?! Lebenswelten und Verfolgungsschicksale von transgender, trans- und intersexuellen Menschen im deutschen Südwesten von 1920 bis 2020“ (Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abtl. Neuere Geschichte) zum Transgender Day of Remembrance (TDOR) am 20. November 2024. Read More

Zwischen Anerkennung und Todesurteil. Cross-Dressing in Kriegen des 18. Jahrhunderts – Lebenswege im Herzogtum Württemberg und Kurfürstentum Brandenburg

Zwischen Anerkennung und Todesurteil. Cross-Dressing in Kriegen des 18. Jahrhunderts – Lebenswege im Herzogtum Württemberg und Kurfürstentum Brandenburg

Von Lisa Heiberger

„Sachlich nicht klassifizierbare Personen“ – unter dieser Verschlagwortung findet man Anna Maria Christmann (1697-1761) im Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig.1 Read More

„Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?“

„Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?“ Die Geschichte der Verwendung des „heterosexuellen Fragebogens“ in der Bildungsarbeit des AK Lesbenpolitik in der GEW Baden-Württemberg 1997-2021

Von Merlin Sophie Bootsmann, wissenschaftliche Mitarbeiter*in des Teilprojekts „Menschenrechte, queere Geschlechter und Sexualitäten seit den 1970er Jahren“ der DFG-Forschungsgruppe „Recht Geschlecht Kollektivität“ an der Freien Universität Berlin

Es gibt Fragen, die kann man als Mensch mit Diskriminierungserfahrungen nicht mehr hören – weil man sie andauernd gestellt bekommt und sie dadurch selbst diskriminierend wirken. Die Fragen variieren, die Erfahrungen sind ähnlich: Lesbische Frauen können von der Frage verletzt werden, ob sie einen Freund hätten und rassistisch markierte Menschen analog dazu von der Frage, woher sie denn „wirklich“ stammen. Der sogenannte „heterosexuelle Fragebogen“ dreht den Spieß um, und stellt der privilegierten Gruppe (hier: heterosexuelle Menschen) ebensolche Fragen, die die diskriminierte Gruppe (hier: homosexuelle Menschen) nicht mehr hören kann: Read More

„Travestie Erinnerungen“ – Sammlung von Tina Glamor

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Zum Auftakt des neuen Forschungsmoduls „100 Jahre geschlechterdivers in Baden-Württemberg. Lebenswelten und Verfolgungsschicksale von transgender, trans- und intersexuellen Menschen im deutschen Südwesten (1920-2020)“.

Tina Glamor ist 1991 geboren, arbeitet als Bauzeichner und lebt in einem kleinen Dorf zwischen Stuttgart und Schwäbisch Gmünd. 2007 hat er angefangen sich mit dem Thema Travestie zu befassen und Kontakt zu Travestiekünstler*innen aufzunehmen. Mit seiner Sammlung „Travestie Erinnerungen“ besitzt er mittlerweile eine der wichtigsten Sammlungen zur Geschichte der Travestie und ihrer Akteur*innen in Deutschland. Read More

„Einhorn sucht Regenbogen“ – Die queere Schwäbisch Gmünder Geschichtswerkstatt

»Einhorn sucht Regenbogen« – Die queere Schwäbisch Gmünder Geschichtswerkstatt

Von Arnd Kolb, Historiker und Migrationsforscher, Gründer des GAROA-Verlags und Mitarbeiter des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd. Zuvor Geschäftsführer des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln und Redakteur beim Südwestrundfunk (SWR). In seiner Heimatstadt leitet er die queere Geschichtswerkstatt „Einhorn sucht Regenbogen“.

Queer – ein kurzes Wort und doch so viel mehr: Es geht um Vielfalt, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Es geht aber auch um Achtung und Würde und am Ende vor allem um eins: Liebe. Mit einem offenen Blick auf die Diversität in unserer Stadt möchte das Projekt »Einhorn sucht Regenbogen« lokalen Entwicklungen nachspüren, verborgene Traditionen entdecken und das queere Leben in Gmünd in Geschichte und Gegenwart noch sichtbarer machen. Read More

Alles erforscht? Was es noch zu tun gibt, zeigt der Lebensweg von Hans Diers

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Von Dr. Julia Noah Munier, Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“, Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abtl. Neuere Geschichte

Der 17. Mai wurde 2005 zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie erklärt (International Day Against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia, IDAHOBIT). Was bedeutet dieser Tag für die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung sogenannter sexueller Minderheiten in Deutschland? Blicken wir kurz zurück, so ist in diesem Jahr diesbezüglich ein wesentlicher Impuls erfolgt: Am 27. Januar 2023, dem Jahrestag der Befreiung des NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, wurde in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags erstmals an diejenigen erinnert, die durch das NS-Regime auf Grund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden. Read More