Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Freiraum Evangelische Akademie Bad Boll

Dr. Irmgard Ehlers, von 1986 bis 2018 Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll im Arbeitsbereich „Kommunalpolitik, öffentliche Verwaltung, Zivilgesellschaft“, zum 26. April 2021, dem Internationalen Tag der lesbischen Sichtbarkeit

Die Evangelische Akademie Bad Boll wurde im Herbst 1945 von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gegründet und ist bis heute die älteste und größte Evangelische Akademie in Deutschland und weltweit. Sie ist eine unselbstständige Bildungseinrichtung. Die Direktion wird vom Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart berufen. Trotz der finanziellen und arbeitsrechtlichen Abhängigkeit verstehen sich Evangelische Akademien als Orte des Dialogs und der konstruktiven Streitkultur und beanspruchen gedanklichen und politischen Freiraum. Read More

Unzucht getrieben mit verdorbenen Subjekten der Großstadt

Auf den Spuren des Orientalisten und Religionslehrers Dr. Dr. h.c. Heinrich Seeger

Udo Rauch, Stadtarchivar von Tübingen, zum 27. Januar 2021, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und International Holocaust Remembrance Day

Der Text entstand im Rahmen des Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Queer durch Tübingen“ vom Stadtarchiv Tübingen in Kooperation mit dem Stadtmuseum Tübingen. Die hier vorliegende Fassung ist stark gekürzt, in seiner vollen Länge wird der Text im Katalog zur Ausstellung erscheinen, die im Herbst 2021 eröffnet wird. Read More

„§ 175: Wenn ein Mann mit einem Mann …“ Zum Gedenken an die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung am 27. Januar 2018 im Stadthaus Ulm

„§ 175: Wenn ein Mann mit einem Mann …“ Zum Gedenken an die Opfer der Homosexuellenverfolgung am 27. Januar 2018 im Stadthaus Ulm

von Dr. Nicola Wenge, Dr. Sabine Presuhn, Ulrich Seemüller und Josef Naßl

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Ulm

Der 27. Januar 1945 war der Tag der Befreiung des KZ- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Der verstorbene Bundespräsident Roman Herzog erklärte diesen Tag Read More

Außergewöhnlicher Aktenfund im Staatsarchiv Ludwigsburg

von Dr. des. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle

Im Zuge unseres Forschungsvorhabens „LSBTTIQ in Baden und Württemberg. Lebenswelten, Repression und Verfolgung im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland“ sind im Staatsarchiv Ludwigsburg Aktenordner der Stuttgarter Kriminalpolizei der Forschung zugänglich gemacht worden, deren Inhalt – nicht nur für die Forschungen zu Baden-Württemberg – eine einzigartige Quelle darstellt.1 Read More

Vielfältige Geschichte sammeln

Sarah Café 1981: Ausstellung lesbia erotica

Museen und das Desiderat der lsbttiq-Geschichte

von Helena Gand, Stadtmuseum Stuttgart

Geschichte bedarf Zeugnisse, die von ihr erzählen, und Erinnerungsanlässe, die sie in die Gegenwart transportieren. Ohne Dokumente, Bilder, Objekte oder mündliche Überlieferung ist es kaum möglich, historisches Wissen zu erzählen und es für die Zukunft zu erhalten. Museen und Archive bewahren und dokumentieren dieses mobile Erbe. Read More

Förderung der „Unzucht“

Sexualität zwischen Frauen war vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik nicht strafbar. Wer allerdings Gelegenheiten für weib-weibliche Sexualität bot, war vom Strafrecht bedroht. Die Kuppelei-Paragrafen 180 und 181 StGB betrafen jede Form der „Unzucht“, ob diese an sich strafbar war oder nicht. Grundsätzlich galt jegliche außereheliche Sexualität als „Unzucht“. Wer sie ermöglichte oder förderte, musste mit Gefängnis oder sogar Zuchthaus sowie Ehrverlust rechnen. Read More

Baden, Württemberg und Hohenzollern

Föderale Traditionen

Das Bundesland Baden-Württemberg gibt es erst seit dem Jahr 1952. Vorläufer des heutigen Baden-Württemberg waren drei Staaten: Württemberg, Baden und Hohenzollern (ein preußischer Regierungsbezirk außerhalb der preußischen Kernlande).

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Karte Badens von 1933

Die Bundesländer, die wir heute kennen, entstanden aus einer föderalen Tradition heraus. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein gab es kein „Deutschland“, zumindest nicht als einheitlichen Staat. Stattdessen existierte eine Vielzahl an Monarchien und Fürstentümern, die politisch unabhängig waren. Das 1871 gegründete Wilhelminische Kaiserreich fasste viele (nicht alle) dieser mitteleuropäischen Staaten zu einem deutschen Nationalstaat zusammen. Die Regierung blieb jedoch föderal organisiert und viele politische Strukturen und Entscheidungsprozesse verblieben in Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten. Diese Tradition zog sich auch durch die Weimarer Republik und man erkennt sie im föderalen System der Bundesrepublik wieder.

Die Verwaltung der Länder in der NS-Zeit

Die nationalsozialistische Regierung zentralisierte im Zuge der Gleichschaltung die ehemals föderale Verwaltung. Die Gebiete Württemberg, Hohenzollern und Baden (das von 1940-45 auch das besetzte Elsass umfasste) waren seit 1934 unmittelbar der Reichsregierung unterstellte Verwaltungsbezirke.

Die drei Länder waren während der NS-Zeit nicht mehr so selbständig wie zuvor. Doch blieben die praktische Umsetzung der Verwaltung, die Polizei und die Gerichte – und damit auch die Verfolgung und Repression von LSBTTIQ – in großen Teilen Aufgabe der Kommunen und Länder. So geschah die Umsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft trotz der Gleichschaltung zu beträchtlichen Teilen auf Länderebene.

Neuordnung der Länder in der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik

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Geognostische Karte Württembergs und Badens von 1860

Nach Ende der NS-Herrschaft gliederten die Alliierten die südwestdeutsche Region in die Länder (Süd-)Baden, Württemberg-Hohenzollern (beide französische Besatzungszone) und Württemberg-Baden (US-amerikanische Besatzungszone). Der Staat Preußen wurde 1947 aufgelöst, damit verlor auch Hohenzollern endgültig den Status als eigenständiges Gebiet. Daher beziehen sich Verweise auf Hohenzollern hier immer nur auf die NS-Zeit, nicht mehr auf die Bundesrepublik. 1952 wurden (Süd-)Baden, Württemberg-Hohenzollern und Württemberg-Baden auf Grundlage eines Volksentscheids zum Bundesland Baden-Württemberg zusammengefasst, das bis heute besteht. In der föderal strukturierten Bundesrepublik Deutschland erhielten die einzelnen Bundesländer ihre politische Teilsouveränität zurück.

Ein Blick über die Grenzen: Die Schweiz und Frankreich

Die regionalhistorische Forschung ermöglicht uns einen Blick über nationalstaatliche Grenzen hinaus. Gerade die Grenzregion Baden stand in vielfältigem Austausch mit den Nachbarländern Schweiz und Frankreich.

Die Schweiz spielt für die südwestdeutsche Homosexualitätengeschichte im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle. In der Schweiz war die Rechtslage eine andere als in Deutschland: Seit 1942 waren homosexuelle Kontakte hier legal. Dies machte Schweizer Städte wie Basel oder Zürich zu beliebten subkulturellen Anlaufpunkten auch für deutsche Homosexuelle. Die Schweizer Homosexuellen-Organisation „Der Kreis“ hatte auch deutsche Mitglieder und stand in Austausch mit deutschen Verbänden (in Baden-Württemberg vor allem mit der „Kameradschaft die runde“), und die von der Organisation herausgegebene gleichnamige Zeitschrift war auch in Baden, Württemberg und Hohenzollern verbreitet. Diese Kontakte über die Grenze hinweg ermöglichten einigen verfolgten Homosexuellen die illegale Einreise aus Deutschland in die Schweiz.

Frankreich ist vor allem über das Elsass eng mit der badischen Geschichte verbunden. Die beiden Regionen standen schon immer in engem Austausch. 1940 wurde das Elsass von den Deutschen besetzt und der badischen Verwaltung unterstellt. Die Verfolgung von LSBTTIQ wurde von 1940-1945 also auch auf das Elsass ausgedehnt. In den Vogesen bauten die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, in dem auch homosexuelle Männer aus den Regionen Baden, Hohenzollern, Württemberg eingesperrt und ermordet wurden.

Weiterlesen:

Baur, Joachim (2002): Landesgeschichten. Der deutsche Südwesten von 1790 bis heute ; das Buch zur Dauerausstellung im Haus der Geschichte Baden Württemberg. Stuttgart: Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

Schnabel, Thomas (2000): Geschichte von Baden und Württemberg 1900 – 1952. 1. Aufl. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer.

Weber, Reinhold (Hg.) (2006): Baden-Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik. Stuttgart: Kohlhammer (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Bd. 34).